" Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt /
Und läßt andere kämpfen für seine Sache /
Der muß sich vorsehen; denn /
Wer den Kampf nicht geteilt hat /
Der wird teilen die Niederlage. /
Nicht einmal den Kampf vermeidet /
Wer den Kampf vermeiden will; denn /
Es wird kämpfen für die Sache des Feinds /
Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat."

"Man muß so radikal sein wie die Wirklichkeit."
Bertolt Brecht




Donnerstag, 29. März 2012

احادیثی از زمین:


احادیثی از زمین:

آن مردی که یک بار از تو چیزی ستاند، بارها پس از آن از تو چیزهایی را خواهد ستاند،
تا زمانی که همه چیز از تو گرفته شود!

....

Dienstag, 27. März 2012

Veranstaltungshinweis

Freitag, 23. März 2012

Jenseits von Eden

Was die Anschläge von Toulouse bedeuten und vor welche Herausforderungen sie die muslimische Community stellen - Ein Aufsatz von Muhammad Sameer Murtaza

Menschen neigen dazu in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. Bevor also jemand zu einem "Der Islam ist Frieden" ansetzt, sollten wir vielleicht einen Augenblick innehalten und uns klar machen, was geschehen ist. Ein junger Mann, arabischer Herkunft, der den Namen des Propheten trägt, hat gezielt und kaltblutig drei Kinder jüdischen Glaubens und einen jüdischen Religionslehrer per Kopfschuss hingerichtet. Die Namen der Kinder lauteten Gabriel, Arieh und Myriam. Sie waren vier, fünf und sieben Jahre alt. Der Name des 30-jährigen Lehrers und Vaters der beiden erstgenannten Kinder war Jonathan. Zuvor tötete der Mörder drei französische Soldaten Abel Chennouf (25), Mohammed Legouade (23) und Imad Ibn Ziaten (30), letzere beiden waren Muslime.

Es heißt im Qur’an: Aus diesem Grunde haben Wir den Kindern Israels angeordnet, dass wer einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen oder Unheil im Lande angerichtet hat, wie einer sein soll, der die ganze Menschheit ermordet hat. Und wer ein Leben erhält, soll sein, als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten. (5:32)

Dieser Text steht im Qur’an im Anschluss an die Erzählung der beiden Söhne Adams, Kain und Abel. Er erteilt den Gläubigen die Weisung: Du sollst nicht töten! Oder positiv formuliert: Hab Ehrfurcht vor dem Leben! Mohammed Mehra kennt diese Ehrfurcht nicht. Im Gegenteil, bedauert er doch, dass er nicht noch mehr Menschen getötet hat. Bevor nun aber jemand in alte Gewohnheiten zurückfällt und das Argument vorbringen möchte, dass Mohammed Mehra gar kein Muslim sei, da er entgegen dem oben genannten Qur’anvers handelte und Muslime so etwas eben nicht tun, sollte er lieber schweigen. Seit dem 11. September bringen Muslime Argumente dieser Art vor, wenn irgendwo irgendetwas Schlimmes im Namen des Islam geschieht. Es ist eine bequeme Distanzierung, die es den Muslimen erspart, sich inhaltlich mit den Wurzeln der Gewalt im Namen Gottes zu beschäftigen. Menschen wie Mohammed Mehra legitimieren ihre Akte der Barbarei im Namen des Islam und sie berufen sich auf den Qur’an, weil sie glauben, ein gottgefälliges Werk zu verrichten, das ihnen Eingang in das Paradies verschafft. Sie sehen sich als gläubige Muslime an und sind damit Teil der Umma und somit Teil einer unausgesprochenen innerislamischen Krise.

Seit dem 11. September haben Muslime sich verpflichtet gefühlt, den Islam zu verteidigen, indem sie die Täter außerhalb des Islam stellten. Da also religiöse Motive im Zusammenhang mit den Gräuel nicht herangezogen werden durften, um die Religion vor jeglichen Makel zu bewahren, versuchte man psychologisch Motive ins Feld zu führen. Mohammed Mehra verfährt ebenso. Er begründet seine Taten dadurch, dass er den gewaltsamen Tod palästinensischer Kinder rächen und ein Zeichen gegen die französische Militärpräsenz in Afghanistan setzen wollte.

Was bei alledem auffällt, bis heute hat sich die Mehrheit der Muslime davor gesträubt in das Herz der Finsternis vorzustoßen und eine religionsgeschichtliche Erklärung für den Terror im Namen des Islam vorzulegen. "Die" Muslime sind keine Terroristen. Aber Terroristen, die sich auf den Islam berufen, gehören in der Regel dem Wahhabismus an. Ist es also nicht längst an der Zeit, sich kritisch mit dieser islamischen Strömung auseinanderzusetzen und entsprechende Konsequenzen zu ziehen? Der Islam legitimiert keinen Religionschauvinismus und es gibt keine Loyalität im Falschen. Immer wieder weist der Qur’an die Muslime zu Recht, sich selbst gegenüber kritisch zu sein:

O ihr, die ihr glaubt! Tretet für die Gerechtigkeit ein, wenn ihr vor Gott Zeugnis ablegt, und sei es gegen euch selber oder euere Eltern und Verwandten. Handele es sich um arm oder reich, Gott steht euch näher als beide. Und überlaßt euch nicht der Leidenschaft, damit ihr nicht vom Recht abweicht. Wenn ihr (das Recht) verdreht oder euch (von ihm) abkehrt, siehe, Gott weiß, was ihr tut. (4:135)


1. Die Wurzeln des Wahhabismus

Mit dem ersten islamischen Bürgerkrieg im 7. Jahrhundert, bei dem es um die politische Macht im Islamischen Reich ging, waren die Muslime zum allerersten Mal mit der Tatsache konfrontiert, dass die vom Propheten Muhammad gegründete Umma zerbrochen war. Dies warf theologische Fragen auf, wer denn nun als Muslim bezeichnet werden könne, was die "wahre" Umma kennzeichne und welche rechtlichen Konsequenzen dies nach sich zieht. Aus den Wirren dieser ursprünglich rein politischen Auseinandersetzung entstand der Vorläufer aller späteren extremistischen Gruppierungen: Die Kharidschiten.

Diese kamen zu dem Schluss, dass jeder, der das Glaubensbekenntnis ausspricht und sich ihnen anschließt ein Muslim sei. In ihrem extremen und radikalen Denken sahen sie sich als die einzig wahren Muslime an und überzogen bald schon den Irak mit ihrem Terror. Jeden, der sich nicht ihrer Richtung anschloss, töteten sie mitsamt seiner gesamten Familie. Zugleich bestritten sie durch diese Säuberungen auch ihren Lebensunterhalt, da sie die Getöteten ausraubten. Es soll auch Fälle gegeben haben, wenn sich jemand der "wahren" Umma anschließen wollte, er zuvor seinen Glauben beweisen musste, indem er einen gefangenen nicht-kharidschitischen Muslim tötete. Wenn jemand aus ihren Reihen eine schwere Sünde begangen hatte, wurde er augenblicklich aus ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen und galt als Apostat, der getötet werden müsse, denn Reue war für sie ein Fremdwort. Damals schon war die muslimische Welt mit Terrorismus aus den eigenen Reihen konfrontiert, wie ging sie damit um?

Diese spirituelle Finsternis stand in einem krassen Gegensatz zu der Botschaft des Propheten Muhammad, so zumindest empfanden es dessen noch lebenden Gefährten. Dennoch legitimierten die Kharidschiten ihre Taten mit Versen aus der Offenbarung. Schon damals zeigte sich: Auch der Islam kann hinsichtlich der Gewaltfrage ambivalent sein. Je nach Auslegung und Verständnis kann er eine Religion des Friedens oder der Gewalt sein. Es war der vierte Kalif des Islam und Schwiegersohn des Propheten Muhammad, Ali ibn Abi Talib, der entschlossen gegen diese Extremisten ins Feld zog und schließlich ihre militärische Macht brechen konnte. Damit war es aber mit dem Terror nicht vorüber. Die Kharidschiten gingen in den Untergrund und setzten fortan Schläfer für Attentate und Terrorakte ein. Einem solchen fiel schließlich Ali ibn Abi Talib selber 661 zum Opfer, als er vor seiner Moschee in Kufa ermordet wurde. Die Kharidschiten mögen eine kleine Gruppe gewesen sein, jedoch war ihr Terror mächtig. Ihr "Beitrag" zum muslimischen Denken war der Gedanke, dass der Muslim Erlösung nur innerhalb der "wahren" Umma finden könne. Alle, die außerhalb dieser Umma stünden, seien zu töten. Obwohl die Kharidschiten einige Jahrhunderte später untergingen, blieb ihr Denken und ihre theologische Legitimation für das Töten erhalten und diente späteren Generationen von Extremisten als Grundlage für ihr Handeln.

Begeben wir uns nun vom 7. in das 13. Jahrhundert. Der Begründer des Wahhabismus, Muhammad ibn Abd Al-Wahhab (1703-1792) hat sich nie auf die Kharidschiten bezogen, sondern er sah in dem hanbalitischen Rechtsgelehrten Ibn Taimiyya (1263-1328) seinen Spiritus rector. Ein Rechtsgutachten dieses hochgeschätzten Gelehrten, dass Muslime exkommuniziert (takfir), diente den Wahhabiten später als Legitimation, um gegen Muslime, die außerhalb ihrer Strömung standen, vorzugehen. Der geschichtliche Kontext dieses Rechtsgutachten ist folgender: Als der Mongolensturm das abbasidische Kalifat samt Hauptstadt Bagdad hinweggefegt hatte, floh die Familie Ibn Taimiyyas nach Damaskus. Doch nur vier Jahre später sollten die Mongolen auch Syrien einnehmen. In diesen unruhigen Zeiten wurde Ibn Taimiyya 1263 geboren. Zu seinen Lebzeiten ließen sich die Mongolen im islamischen Herrschaftsbereich nieder und konvertierten zum Sunnitentum, ohne jedoch ihren alten Glauben ganz aufzugeben. Dies bedeutete für die "alteingesessenen" Sunniten ein Dilemma, da sie sich darüber im Unklaren waren, wie sie sich gegenüber den neuen Herrschern verhalten sollten. Ibn Taimiyya gab ihnen hierauf eine Antwort: Trotz ihrer Konvertierung seien sie Ungläubige und Apostaten, denen man nicht gehorchen dürfe. Dies war eine deutliche Abweichung vom sunnitischen Konsens, dass der Muslim einem Herrscher so lange folgen soll, solange dieser das Gebet verrichtet, im Ramadan faste und die Pilgerfahrt nach Mekka unternehme. Doch Ibn Taimiyya exkommunizierte nun diese Muslime und erklärte jeden Muslim, der ihnen folgte, ebenfalls zu einem Ungläubigen. Die Pflicht der "wahren" Muslime sei es, diese Apostaten zu bekämpfen. Diese Gedanken stammten weder aus dem Sunnitentum noch aus der Schia, sondern Ibn Taimiyya kann hier nur auf kharidschitisches Gedankengut zurückgegriffen haben.

2. Charakteristikum des Wahhabismus

Im Jahre 1740 ließ sich der muslimische Gelehrte Muhammad ibn Abd Al-Wahhab auf der arabischen Halbinsel in Dariya nieder, wo er eine Allianz mit dem Stammesführer Muhammad ibn Saud (gest. 1765) einging. Ihr Ziel war nicht mehr und nicht weniger als eine "Reinigung" des Islam von allen Neuerungen, die sich im Laufe der Jahrhunderte eingeschlichen hatten, sowie die Errichtung eines islamischen Herrschaftsbereiches. Dieser "gereinigte" Islam war aber nicht so rein, wie es augenscheinlich aussah, sondern ein Islam neohanbalitischer Prägung mit einer Beimischung kharidschitischen Gedankengutes. Um 1746 wurde die Lehre des Wahhabismus zur vorherrschenden religiösen Richtung auf der arabischen Halbinsel. Die Gewaltexzesse der Wahhabiten richteten sich primär gegen Sufis und Schiiten. So überfielen die Wahhabiten im Jahr 1802 am Aschura-Tag Kerbala und ermordeten 2.000 schiitische Muslime. Im Blut watend, zerstörten sie dann die Gräber Alis, Husains und weiterer Imame, plünderten die Stadt und machten sich davon. Zwar konnte ihnen 1818 durch das Eingreifen ägyptischer Truppen, die vom Osmanischen Kalifen entsendet wurden, Einhalt geboten werden. Doch nach dem 1. Weltkrieg gelang es ihnen schließlich 1932 das heutige Saudi-Arabien zu gründen. Die Anhänger dieser puritanischen Bewegung glauben, dass die Bedeutung des "wahren" Islam nach dem Ableben der ersten drei Generationen der Muslime nach und nach verwässert und verfälscht wurde. Insbesondere verurteilen sie die philosophischen und theologischen Schulen des Islam, den Sufismus, die historisch gewachsenen Rechtsschulen und den Volksislam. Durch den Rückgriff auf die Altvorderen ignorieren sie die geschichtliche Entwicklung des Islam und der Muslime, um sich somit von einer für sie falschen Geschichtsentwicklung zu distanzieren und sie zu überwinden, indem sie quasi vom Anfang her einen Neubeginn starten.

Dies erklärt, warum für sie nur der Qur’an und die Sunna maßgeblich sind. Die Interpretation erfolgt unmittelbar, also literalistisch, ohne das Hinzuziehen der ihnen zutiefst suspekten Vernunft. Dadurch entsteht aber ein stark schablonenhaftes Denken, da bezüglich aller Handlungen – vom Gottesdienst über die Kleidung bis zur sozialen Interaktion – der Muslim angehalten wird, sich an einen authentischen Text zu halten. Somit werden die gesellschaftlichen Verhältnisse des 7. Jahrhunderts sakralisiert und der Gesellschaft ein starres Korsett übergestreift, das keine weitere Entwicklung erlaubt, ja sogar jeden Versuch, eine gesellschaftliche natürliche Dynamik zu entfachen, als Bedrohung betrachtet und als bid‘a(Neuerung, hier im Sinne von Häresie, also jede von der Tradition nicht sanktionierte Praxis)bezeichnet. Somit befindet sich diese Strömung in einer immerwährenden Dialektik zwischen der eigenen Tradition und der bid‘a. Kaum noch einer erinnert sich daran, dass der muslimischen Gelehrsamkeit diese Radikalität entschieden zu weit ging und der Wahhabismus in der gesamten muslimischen Welt zunächst als eine Sekte eingestuft wurde. Zwei Dinge haben dazu beigetragen, dass sich dies geändert hat. Zum einen der Ölreichtum mittels dessen man dieses imaginäre Islamverständnis durch großzügige Moscheebauten, Geldspenden, einem Bildungsnetzwerk und kostenloser Literatur exportierte. Und zum anderen die Kontrolle über die heiligen Stätten Mekka und Medina, wo Pilger aus der gesamten Welt nun mit dem Wahhabismus in Berührung kamen und von ihm beeinflusst wurden.

Traditionelle Rechtsgelehrten wie der Kuwaiti Sayyid Yusuf Al-Rifa‘i haben wiederholt darauf hingewiesen, dass der radikale intra-islamische Exklusivismus der Wahhabiten der islamischen Religionsgemeinschaft möglicherweise irreparabel geschadet hat: „Ihr handelt nach den Praktiken der Kharijiten: Wenn einer von den Muslimen zu Euch kommt – ganz besonders Studenten der (Islam-)Wissenschaft – fangt Ihr an, zu überprüfen, ob er nach Euren Maßstäben rechtgläubig ist oder nicht (…). Und genau das war die Praxis der Kharijiten in der Vergangenheit. Wann immer ein Muslim – einer, der an einen Gott glaubt – zu ihnen kam oder bei ihnen vorbeiging, unterzogen sie ihn einer Überprüfung, und wenn er anderer Ansicht war als sie, so töteten sie ihn.“ „Eure tiefsitzende Krankheit hat sich schon bis in die Länder Amerikas und Europas verbreitet, so daß Zwistigkeiten in den Moscheen und Schulen der Muslime entbrannt sind (…). Jeder bekämpft den anderen, verbietet das Gebet hinter den anderen und ebenso die Heirat oder freundschaftliche Kontakte; und die religiöse Verbindung untereinander wird abgeschnitten (…). Wahrlich, was sich derzeit an Abschlachten und Gemetzel ereignet und was zur Entstellung des Ansehens des Islam und zur Vernichtung der Muslime führt, (…) sind nichts anderes als die Früchte Eurer Erziehung und Eurer Ansichten und der Lektüre Eurer Bücher und Schriften, die alle darauf aufbauen, Muslime zu Ungläubigen, zu Götzenanbetern, zu Einführern verwerflicher Neuerungen zu erklären und üble Verdächtigungen gegen sie zu hegen.“

3. Die Entstehung der Al-Qaida

Die Al-Qaida ist letztlich eine hyperradikalisierte Form des Wahhabismus, eine organisierte Bösartigkeit. Das Islamverständnis besteht hier aus Versatzstücken aus dem Qur’an, der literalistischen Lesart des Wahhabismus, dem politischen Aktivismus der Muslimbrüder, einer Kritik am Westen, wie auch an der muslimischen Umma und einem Märtyrerkult. Diesem Amalgam wurde dann noch etwas Neues beigemischt. Ein deutschsprachiger Muslim, der heute in den Reihen der Taliban kämpft, hat diese neue Geisteshaltung in einem Satz präzise auf den Punkt gebracht: „Wir sind nicht gekommen, um zu siegen, sondern um getötet zu werden.“ Dieser Extremismus stellt keine Forderungen, veröffentlicht keine Manifeste, alles, was wir über seine Weltanschauung aussagen können, ist, dass er sich in einem permanenten Krieg gegen die Welt befindet. Im Krieg gegen alle Nichtmuslime und alle Muslime, die sich ihnen in den Weg stellen. Dieser Krieg wird in keinem Sinne militärisch durchdacht oder strategisch ausgefochten, sondern die gesamte Welt wird als Front betrachtet mit dem Ziel, möglichst viele Menschen zu töten.

Al-Qaida ist längst keine Organisation mehr, sondern ein Gedanke, eine – wie Navid Kermani schreibt – Philosophie der Zerstörung, die aus einer selektiven Lesart des Qur’an gewonnen werden kann, die aber diametral zum Islamverständnis der überwältigenden Mehrheit der Muslime und ihrer Gelehrten steht. Muslime wie Mohammed Mehra, die sich durch das Internet mit dieser Philosophie infizieren und selbstradikalisieren, entsprechen nicht dem durchschnittlichen gläubigen Moscheegänger, sondern sie sind Einzelgänger, oftmals mit einer kriminellen Vergangenheit und ohne Kontakt zu einer muslimischen Gemeinde. Die bösartige Philosophie der Zerstörung gibt solchen Menschen ein ganz neues perfides Selbstwertgefühl. Zum ersten Mal sind sie nicht irgendein Verlierer der Gesellschaft, sondern gehören mit einem Male einer auserwählten Gruppe an. Ihre terroristischen Taten geben ihnen ein nie gekanntes Machtgefühl, da sie plötzlich entscheiden, wer von uns leben darf und wer von uns sterben muss, damit maßen sie sich eine gottgleiche Macht an. Mit ihrer feuerwerkartigen Selbstinszenierung feiern sie diese scheinbare Macht, genießen unsere Angst und finden Erregung an ihrem Macht- und Blutrausch. Gleiches zeigt sich bei Mohammed Mehra, der kaltblütig die Ermordung seiner Opfer filmte, seit dem gestrigen Morgenstunden die Polizei hinhält und sich selber rühmt, Frankreich auf die Knie gezwungen zu haben. Letztlich ist diese Philosophie der Zerstörung für sie auch eine Erlösung von ihrem unbedeutenden Dasein, denn in der Selbstzerstörung und der Zerstörung des anderen erfolgt im Denken des Extremisten eine Reinigung der Welt, die anders nicht mehr zu retten ist. Durch die Auslöschung des Selbst und der anderen erfolgt das Nichtsein und somit die eigene Erlösung, wie Kermani schreibt. Doch der Gedanke einer Selbstvernichtung, um auf diese Weise Erlösung zu erfahren, ist dem Islam fremd. Im Grunde haben wir es bei den Sympathisanten von Al-Qaida mit zutiefst kranken Menschen zu tun – und ich sage dies, ohne jegliches Mitgefühl für die Täter wecken zu wollen, denn das habe sie nicht verdient. Der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm bezeichnet die Liebe zur Gewaltanwendung und Destruktivität, den Wunsch zu töten, das Bestreben nach Selbstmord, das Angezogensein vom Tod und den Wunsch, dadurch Ordnung zu schaffen, als Nekrophilie. Diese Menschen sind seelisch krank, denn es fehlt ihnen die Eigenschaft der Kreativität, so dass sich für sie alles um Gewalt dreht.

4. Ist der Islam antisemitisch?


An dieser Stelle ist es richtig der Frage nachzugehen, ob der Autor dieses Beitrages nicht doch eine Verteidigung des Islam betreibt, indem er die Schuld für den Anschlag auf die jüdische Schule in Toulouse auf die Extremisten abwälzt. Kann es nicht sein, dass der Islam per se eine judenfeindliche Religion ist, die das Töten von Menschen jüdischen Glaubens gutheißt, gar aufträgt? Dies ist eine berechtigte Frage, der nachgegangen werden soll.

Rabbi Mark Cohen, Professor an der Princeton University, referierte auf der dritten Konferenz für religiösen Dialog in Doha 2005, dass die Beziehungen zwischen Juden und Muslimen in der islamischen Frühzeit in Medina eine feindselige Konfrontation war, deren Ursache jedoch nicht religiösen, sondern politischen Ursprungs war. Ein Teil der jüdischen Stämme in Medina fühlte sich durch die zahlenmäßige Überlegenheit der Muslime entscheidend bedroht, war doch das eingependelte Machtgefüge in der landwirtschaftlich prosperierenden Oase nun empfindlich gestört. Mehr noch, sie fühlten sich übergangen, denn es waren die beiden arabischen und vormals polytheistischen Stämme der Aus und der Khazradsch, die in Eigeninitiative Muhammad und seine Anhänger nach Medina eingeladen und ihm zunächst die Rolle eines Schlichters zugeteilt hatten. Doch Muhammads Bedeutung und damit auch sein Einfluss wuchsen exponentiell und veränderten Medina grundlegend.

Diese anfängliche Konfliktsituation galt den nachkommenden Generationen von muslimischen Gelehrten aber nicht als essentieller Urkonflikt, sondern wurde in seinem damaligen Kontext verstanden und darin eingeschlossen. Anders ausgedrückt: Aus den Erfahrungen der muslimischen Frühgemeinde mit ein paar jüdischen Stämme konnten keine Schlüsse für spätere Beziehungen zum Judentum an sich gezogen werden. Das Gemisch an positiven wie negativen Aussagen über Juden im Qur’an musste folglich ebenfalls differenziert betrachtet werden. Die positiven Verse galten den Gelehrten als fundamentaler als die negativen, die im Rahmen des medinensischen Konfliktes verstanden wurden. Diese Interpretation wurde durch einen Vers, der zu den letzten Offenbarungen gehörte, die dem Gesandten Gottes Muhammad zuteilwurden, be- und gestärkt: Heute sind euch alle guten Dinge erlaubt. Auch die Speise derer, denen die Schrift gegeben wurde, ist euch erlaubt, so wie eure Speisen ihnen erlaubt sind. Und (erlaubt sind euch zu heiraten) tugendhafte Frauen, die gläubige sind, und tugendhafte Frauen von denen, welchen die Schrift vor euch gegeben wurde, sofern ihr ihnen ihr Brautgeld gegeben habt und tugendhaft mit ihnen lebt, ohne Unzucht, und keine Geliebten nehmt. Wer den Glauben verleugnet, dessen Werk ist fruchtlos, und im Jenseits ist er einer der Verlorenen. (5:5)

Trotz aller erfahrenen Unterschiede und Konflikte zwischen Juden und Muslimen, unterstreicht dieser Vers, so der verstorbene Professor Falaturi, dass Juden (und auch Christen) aufgrund ihrer monotheistischen Ausrichtung gesellschaftlich voll akzeptiert werden sollen, indem zu einer Tisch- und Ehegemeinschaft mit Juden eingeladen wird. Letzteres bedeutete in der arabischen Gesellschaft des 7. Jahrhunderts nicht nur eine Verbindung zwischen zwei Personen, sondern zugleich einen Vergesellschaftlichungsprozess von zwei Großfamilien oder sogar zwei Stämmen. Dies steht im Einklang mit den universellen Prinzipien des Islam, die in Versen, wie dem nachstehenden formuliert sind: Siehe, die da glauben, auch die Juden und die Christen und die Sabäer – wer immer an Gott glaubt und an den Jüngsten Tag und das Rechte tut, die haben ihren Lohn bei ihrem Herrn. Keine Furcht kommt über sie, und sie werden nicht traurig sein. (2:62)

Der Exeget Muhammad Asad sah in diesen Passagen eine grundsätzliche Lehre des Islam: „Mit einem aufgeschlossenen Weitblick ohnegleichen in irgendeinem anderen religiösen Glauben wird hier die Vorstellung von >Rettung und Heil< von nur drei Bedingungen abhängig gemacht: Glaube an Gott, glaube an den Tag des Gerichts und rechtschaffenes Handeln im Leben.“

Im Mittelalter war es, so Rabbi Cohen, eher die Regel als die Ausnahme, dass Juden als geschützte Leute, von den muslimischen Herrschenden hinsichtlich ihres Lebens, ihrer Religionsausübung, ihrer wirtschaftlichen Freiheit und ihrer Bewegungsfreiheit Schutz erfuhren. Cohen spricht zwar nicht von einem Goldenen Zeitalter jüdisch-muslimischen Zusammenlebens, aber doch von einem harmonischeren Nebeneinander als es die jüdischen Geschwister im christlichen Europa erfuhren. In diesem Zusammenhang machte Rabbi Cohen in seinem Beitrag eine interessante Bemerkung hinsichtlich der Abwesenheit eines jüdisch-muslimischen Dialogs im Mittelalter: Dieser sei gar nicht von Nöten gewesen, denn über was hätte man diskutieren sollen. Beide glaubten sie an den einen Gott, sahen in Jesus nicht Gottes Sohn, glaubten an ein offenbartes Gesetz, und sahen Glaube und Tat als die zwei Seite einer Medaille an. Juden und Muslime, so Cohen, fühlten sich einander nicht fremd.

Das Verhältnis zum Judentum begann sich erst ab dem 19. Jahrhundert zu verändern. Auf muslimischer Seite verlor man das Bewusstsein für eine Unterscheidung zwischen dem eigenen Wahrheitsanspruch und der Existenz mehrerer Heilswege als Ausdruck von Gottes Barmherzigkeit. Damit verbunden fielen die Muslime hinter die islamische Toleranzkonzeption des Mittelalters zurück, statt sie notwendigerweise weiterzuentwickeln. Einen wesentlichen Anteil hieran hatten der schwellende Palästinakonflikt und die Begegnung der Araber mit dem europäischen Antisemitismus. Es waren arabische Christen, die als Erstes europäische antisemitische Traktate ins Arabische übersetzten. Das erste Werk dieser Art erschien 1869 in Beirut, das die angeblichen Bekenntnisse eines zum Christentum konvertierten Rabbiners über die Grausamkeiten der jüdischen Religion beinhaltete. Die erste Übersetzung der Protokolle der Weisen von Zion wurde am 15. Januar 1926 in der Zeitschrift Raqib Sahyun (Beobachter Zions)veröffentlicht, die in Jerusalem von der römisch-katholischen Gemeinde herausgegeben wurde. Eine weitere Übersetzung aus dem Französischen, erneut angefertigt von einem arabischen Christen, erschien etwa zwei Jahre später in Buchform in Kairo. Eine Übersetzung aus dem Englischen, erstmals aus muslimischer Feder, erfolgte dann 1951. Bald schon stand dem arabischen Leser eine Flut antisemitischer Lektüre zur Verfügung, die ausnahmslos christlichen, europäischen und amerikanischen Ursprungs war. In dieser ersten Phase wurden antisemitische Anklagen – allerdings unter Ausschluss des Rassengedankens – einfach wiederholt. Die Muslime wurden mit dem Bild des Juden als Freimaurer, als Großkapitalist, als Kommunist, als Umstürzler und als Verschwörer mit dem Ziel der Weltherrschaft vertraut gemacht. Dann, in der zweiten Phase, wurden diese Vorstellungen verinnerlicht, assimiliert und islamisiert. Dieser islamisch verbrämte Antisemitismus zieht sich durch die meisten Werke des Muslimbruders Sayyid Qutb und erhält durch seine sechsbändige Exegese des Qur’an fi zilal al-Qur’an (Im Schatten des Qur’an) eine "heilige" Legitimation. Nach Qutb beginnt die Feindschaft zwischen Juden und Muslimen mit ihrer Auflehnung gegen den Prophet Muhammad in Medina. Seit die Juden militärisch geschlagen wurden, würden sie sich ununterbrochen bemühen aus dem Schatten heraus mit ihren Eigenschaften der List und der Verschlagenheit den Islam zu zerstören. So stände hinter den christlichen Kreuzzügen, die mit dem europäischen Kolonialismus ihre Fortsetzung fänden, und dem Kommunismus, der nach Qutb eine jüdische Erfindung ist, das Weltjudentum. Ziel der Juden sei die Weltherrschaft, an deren Ende nur das Judentum selber überleben soll. Der Kampf gegen die Juden sei daher zum Wohle der gesamten Menschheit.

Dieser verbrämte islamische Antisemitismus muss von Muslimen auf das Schärfste bekämpft werden. Unverständlich ist, dass Moscheen immer noch die Hass geschwängerten Werke Qutbs in den Bücherregalen stehen haben oder diese auf Büchertischen zum Verkauf angeboten werden. Der Zentralrat der Muslime unterstützt seit 2011 das Projekt der Stiftung Weltethos "Gemeinsames Kernethos von Judentum und Islam", das sich dem Ziel verschrieben hat, antisemitische Einstellungen bei jungen Muslimen präventiv zu verhindern und zurückzudrängen. Es ist aber wichtig festzuhalten, dass diese Form von Antisemitismus nicht im Islam selber wurzelt, sondern gänzlich ein Produkt unserer Zeit ist. Dies wird deutlich, wenn man die Situation der Juden auf dem Balkan betrachtet. Während in Kroatien, Serbien und Griechenland antisemitische Literatur den Büchermarkt überschwemmt, Synagogen wie jene in Dubrovnik wiederholt mit antisemitischen Schmierereien verunstaltet werden, griechische Tageszeiten ungeniert antisemitische Karikaturen abdrucken, Juden wie jene in der Stadt Osijek anonyme Drohbriefe erhalten, serbische Faschisten Todeslisten mit jüdischen Namen online stellen, und Juden in Griechenland angegriffen werden, treten antisemitische Tendenzen in Bosnien und Kosovo am schwächsten auf. Was die Gesellschaft dort, von jener des übrigen Balkans wesentlich unterscheidet und prägt, ist dass sie mehrheitlich muslimisch ist.

5. Was ist nach Toulouse zu tun?


Seit Thilo Sarrazin seine rassistischen Thesen über Muslime in Deutschland verbreitet und antimuslimischer Rassismus gesellschaftsfähig geworden ist, standen den Zentralrat der Juden und zahlreiche jüdische Persönlichkeiten wiederholt an der Seite der hiesigen Muslime und verteidigten sie. Gerade in diesen schlimmen Zeiten erfuhren wir, dass es eine gute Sache ist, Freunde zu haben. Und der Autor dieses Beitrages ist davon überzeugt, dass wir Muslime keine besseren Freunde haben können, als unsere jüdischen Geschwister.

Aber es ist nicht nur die Erfahrung des Fremdenhass, die wir miteinander teilen, sondern wir teilen ein gemeinsames abrahamisches Erbe: Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Ich will segnen, die dich segnen; wer dich verwünscht, den will ich verfluchen. Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen. (Genesis 12,2-3) Und als Abraham sprach: „O mein Herr! Mache dieses Land sicher und bewahre mich und meine Kinder vor der Anbetung von Götzen. O mein Herr! Siehe, sie führten viele Menschen irre. Wer aber mir folgt, der gehört zu mir. Doch wer sich mir widersetzt – siehe, Du bist der Verzeihende, der Barmherzige. (14:35-36)

Weiter teilen wir eine gemeinsame Verantwortungsethik, die uns die Propheten überbracht haben: Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. (Dtn 10,19)
Dies ist es, was Gott Seinen Dienern verheißt, die glauben und das Rechte tun. Sprich: „Ich verlange keinen Lohn von euch. Aber liebt dafür (euere) Nächsten.“ Wer eine gute Tat begeht, dem werden Wir gewiß noch mehr an Gutem erweisen. Gott ist fürwahr verzeihend und erkenntlich. (42:23)


Und wir glauben an den einen und einzigen Gott. Das jüdische Urbekenntnis lautet: Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. (Dtn 6,4). Es findet sein Echo im ersten Teil des muslimischen Bekenntnis: Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Gott gibt.

Diese Gemeinsamkeiten machen uns zu abrahamischen Brüdern und Schwestern. Der Tod dreier jüdischer Kinder und eines jüdischen Vaters ist so, als hätte man sie unserer Gemeinde entrissen. Wir Muslime können uns einen islamischen Idealismus der Geschwisterlichkeit nicht mehr erlauben, sondern müssen theologisch klar und deutlich den Wahhabismus und seine Vertreter in seine Schranken verweisen, indem wir a. Wahhabismus und Al-Qaida und b. den verbrämten islamischen Antisemitismus dekonstruieren. Ich erinnere an dieser Stelle an das Schweigen der Muslime Land auf, Land ab, als der wahhabitische Prediger Pierre Vogel 2011 zu einem Totengebet für Osama bin Laden aufrief und die muslimische Community dem theologisch nichts entgegenzubringen hatte. Gerade das wahhabitische Netzwerk um Vogel und Co. führt zu einer Entzweiung der muslimischen Community und trägt seinen Teil zu einer Radikalisierung junger Muslime bei. Auch wenn sich die Wahhabiten in Deutschland von Gewalt distanzieren, so ist doch ihre spirituelle Finsternis ein Durchlauferhitzer für ein Islamverständnis, dessen Zentrum die Verachtung der menschlichen Würde und des menschlichen Lebens ist.

Wir alle tragen Verantwortung dafür, dass der Wahhabismus sich nicht weiter in unseren Gemeinden verbreitet. Wir täten gut daran, ihn wieder als das zu betrachten, was er ist, eine Sekte. Desweiteren müssen muslimische Eltern dafür Sorge tragen, aus welchen Quellen sich ihr Kind über den Islam informiert und es bei Fragen zur Religion nicht auf sich allein gestellt lassen. Zugleich gilt es für Muslime wie Moscheegemeinden kritischer mit Literatur umzugehen, insbesondere mit jener, die kostenlos im Internet angeboten wird. Zudem haben wahhabitische oder antisemitische Lektüre in Moscheen nichts zu suchen. Ebenso gilt es kritischer gegenüber den zahllosen umherstreifenden wahhabitischen Laienpredigern eingestellt zu sein, all jenen "Abu Soundso", die glauben, nachdem sie die Hälfte eines Buches zum Islam gelesen haben, den Muslimen predigen zu dürfen. Aus den drastischen Erfahrungen in Bosnien mit dem Wahhabismus müssen Moscheegemeinden künftig bedenken, ob sie nicht generell dem Wahhabismus jeglichen Zu- und Auftritt untersagen. Schließlich müssen die Gemeinden auch Strukturen entwickeln hinsichtlich der Betreuung von Konvertiten. Wenn Menschen zum Islam konvertieren, ist der Jubel in den Moscheen groß, doch anschließend sind diese neuen Muslime in der Regel ganz auf sich gestellt. Häufig sind dann charismatische Laienprediger oder das Internet erste Anlaufstationen für den Beginn einer falschen Entwicklung. Ähnliches muss gegenüber muslimischen Jugendorganisationen gesagt werden. Es reicht nicht muslimischen Jugendlichen Spaß, Sport und soziale Aktivitäten anzubieten, sondern es müssen auch Bildungsstrukturen geschaffen werden, die denen des Wahhabismus überlegen oder zumindest gleichwertig sind.

Aber die wohl grundlegendste Herausforderung dürfte es sein, die innere Dimension des Islam neu zu beleben. Zu sehr ist diese Religion zu einer reinen gehorsam fordernden Gesetzesreligion verkommen, die sich in den Begriffen Halal und Haram erschöpft. Der Extremismus der Wahhabiten ist ein deutliches Beispiel dafür, was passiert, wenn Religion nur noch blindes Handeln bar jedem Humanen, jeder Barmherzigkeit und jeder Vernunft ist. Sicherlich, können die Muslime Attentate wie jenes in Toulouse nicht grundsätzlich verhindern, aber sie können sie entschiedener, nämlich theologisch und religionsgeschichtlich, verurteilen und präventive Maßnahmen ergreifen. Dennoch bleibt ein Gefühl der Hilflosigkeit hinsichtlich dieser Entwicklung zurück. Schließen wir die Getöteten und ihre Familien in unsere Gebete ein, erwähnen wir ihre Namen in der kommenden Freitagspredigt, gedenken wir ihrer; wir Menschen gehören zu Gott und zu Ihm kehren wir zurück.

Muhammad Sameer Murtaza M.A. ist Islamwissenschaftler und externer Mitarbeiter der Stiftung Weltethos. Seit 2010 setzt er sich mit der Vortragsreihe Gemeinsames Kernethos von Judentum und Islam für ein besseres Verständnis zwischen den beiden Religionen ein. Quelle: http://www.islam.de/20027

Donnerstag, 22. März 2012

Nach Amoklauf: Bedingungsloser und sofortiger Abzug der Salafisten gefordert

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Christine Buchholz, Mitglied des geschäftsführenden Vorstands der
Partei Die Linke, hat einen sofortigen Abzug der Salafisten aus
Frankreich gefordert. “Jeder Tag, den die Salafisten in Frankreich
bleiben, ist einer zu Viel”, erklärte Buchholz am Freitag in Berlin.
Salafisten müsse sofort abziehen, unabhängig davon, ob die moderaten
Muslime bleiben wollen, so die Linken-Politikerin weiter.

Der saudische König und der iranische Präsident äußerten nun in einem
Brief an den französischen Präsidenten ihr Bedauern über die
Vorfälle. Nach den Angaben sprachen Ahmadinedschad und Abdullah ibn
Abd al-Aziz Al Saud in dem Brief eine "aufrichtige Entschuldigung"
aus. Der vom französischen Präsidentenamt veröffentlichten Erklärung
zufolge schrieben sie weiter, dass es sich um ein Versehen handelte:
"Wir versichern Ihnen, dass wir alle erforderlichen Schritte
einleiten, um eine Wiederholung zu vermeiden", wurde beide
Präsidenten zitiert. Dazu gehöre auch, dass die Verantwortlichen für
die antiwestliche und antiisraelische Hetze zur Rechenschaft gezogen würden.

Die islamischen Staaten verurteilten die Tat. Die Organisation der
Islamischen Zusammenarbeit (OIC) betonte in einer Erklärung, die Tat
stehe im Widerspruch zu den gemeinsamen Bemühungen von muslimischen
Ländern und internationaler Gemeinschaft, Intoleranz und religiösen
Hass zu bekämpfen.

Das palästinensische Volk verurteile den Anschlag aufs schärfste. Es
sei unzulässig, wenn das Wort „Palästina“ von Terroristen
instrumentalisiert werde. Kein Terrorist dürfe behaupten, dass er mit
seinen Taten palästinensische Kinder schütze. Das sagte der
palästinensische Regierungschef Salam Fayyad.

Mittwoch, 21. März 2012

Wer sind jetzt die Panikmacher?

Nach der abscheulichen Tat von Anders Behring Breivik in Oslo dauerte es nicht lange und nicht wenige Menschen in den deutschen Medien waren sich sicher, wer an der Tat Breiviks Mitschuld trug. Mich hat diese indirekte Schuldzuweisung damals so sehr aufgeregt, dass ich unter anderem den Artikel “Der Verbündete” verfasst hatte. Damals haben viele meine Aufregung nicht verstanden.

Jetzt stehe ich wieder fassungslos vor der grausamen Tat Mohammed Merah in Toulouse und Montauban. Merah behauptet, mit seinen Taten Palästina gerächt zu haben, so wie Breivik behauptet, mit seinen Taten Norwegen gerächt zu haben. Beide Erklärungen sind nichts weiter als verabscheuungswürdige Ausreden von Wahnsinnigen mit der Lust am Bösen.

Schauen wir uns also in der heutigen Situation noch einmal ein paar der Aussagen an, die damals zu der Tat Breiviks verfasst wurden und tauschen einfach ein paar Begrifflichkeiten aus. Vielleicht wird dann jedem Menschen klar, welch Unrecht damals den Autoren Broder und Sarrazin angetan wurde, als sie in einem Atemzug mit Breivik genannt wurden.

Lamya Kaddor, die Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes schreibt:“Die Israelkritiker sind nicht schuld an der Tat, aber sie haben sie begünstigt. Sie diffamieren Israel pauschal und schüren damit Ängste. Sigmar Gabriel und Co. haben dafür gesorgt, dass die antiisraelische Stimmung gesellschaftsfähig wird. Mohammend Merah hat sich durch sie bestätigt gesehen. Damit sitzt Gabriel mit im Boot.”

Christoph Giesa schreibt in The European: “Zu diesen besonders Verantwortlichen gehören neben Patrick Bahners auch prominente Vertreter der Panikmacher Fraktion, weil sie, ob gewollt oder ungewollt, zu Ikonen der neuen deutschen Israelkritik geworden sind.”

Claus Ludwig von der Partei DIE LINKE in Köln schreibt: “Wenn Mohammed M. für geistesgestört und in die Psychiatrie eingewiesen wird, dann müssten konsequenterweise Erhard Arendt, Herrmann Dierkes, Walter Herrmann, Norman Paech, Annette Groth, die Macher von Muslim Markt und viele andere den gleichen Weg antreten. Sie vertreten und befördern wahnhafte antisemitische Vorstellungen.”

In der Frankfurter Rundschau schreibt Christian Bommarius: “Alfred Grosser ist – nebenHilde Scheidt – die lauteste Stimme der Israelkritik in Deutschland, aber keineswegs die einzige. Der Antiisraelismus als Ressentiment, wie er sich in der Mitte der deutschen Gesellschaft herausgebildet hat, ist nicht zum Geringsten Scheidts Verdienst.”

Sigmar Gabriel behauptet: “In einer Gesellschaft, in der Anti-Israelismus und die Abgrenzung von anderen wieder hoffähig wird, in der das Bürgertum Herrn Gabrielapplaudiert, weil er Israel mit der Apartheid gleichsetzt, da gibt es natürlich auch an den Rändern der Gesellschaft Verrückte, die sich letztlich legitimiert fühlen, härtere Maßnahmen anzuwenden.”

In der Süddeutschen Zeitung stand am 26.7.2011: “Viele Anti-Israelisten arbeiten aktiv in der Politik, engagieren sich in Europas populistischen Parteien. Zu ihren Stichwortgebern zählen Publizisten wie Alfred Grosser, die zum Teil noch in den verhassten ‘Mainstream-Medien’ veröffentlichen…”

Ich hoffe, solche Aussagen nie irgendwo lesen zu müssen. Ich bin mir sicher, dass solche oder ähnliche Schweinereien niemals aus der Feder von Henryk M. Broder kommen werden und hoffe, dass all jene Schreiberlinge, die diese Schweinereien vor einem Jahr geschrieben haben, sich jetzt einmal kräftig schämen!

Quelle: http://tapferimnirgendwo.wordpress.com/2012/03/21/wer-sind-jetzt-die-panikmacher/

Freitag, 16. März 2012

Warum leben jüdische Kids genau dort, wo Raketen aus Gaza einschlagen?

Es war zweifellos eine Sternstunde der Zweiten Republik: Couragiert, ohne Rücksicht auf das eigene Wohlergehen, ja geradezu todesmutig stellte sich das Wiener Stadtparlament unter Führung der Sozialdemokratischen Fraktion damals, im Mai 2010, den unfassbaren Verbrechen des zionistischen Gebildes entgegen, nachdem israelische Soldaten ein Schiff der sogenannten Gaza-Flottille geentert hatten. „Der Wiener Gemeinderat verurteilt das brutale Vorgehen gegen die friedliche Hilfsflotte – noch dazu in internationalen Gewässern – auf das Schärfste. Der Wiener Gemeinderat fordert, dass die EU und die österreichische Bundesregierung alles unternehmen, um diesen Vorfall international zu untersuchen und lückenlos aufzuklären...“, forderten die Wiener Parlamentarier damals in einem Beschluss von geradezu welthistorischer Bedeutung, berücksichtigt man den traditionell enormen Einfluss von Wiener Landtagsbeschlüssen auf die Lage im Nahen Osten.

Etwas differenzierter – nämlich gar nicht – reagierten die Nahostexperten des Wiener Landtags freilich auf die Ereignisse des vergangenen Wochenendes. Da hatte nämlich die palästinensische Peace-now-Bewegung aus dem Gazastreifen den interkulturellen Dialog mit ihren israelischen Nachbarn mithilfe von 206 auf Südisrael abgefeuerten Raketen vom Typ Kassam voranzutreiben versucht; wohl eine Art milieutypischer Beitrag zum nahöstlichen Friedensprozess. (Dass es dabei nicht zu einem Massaker in einer getroffenen Schule gekommen ist, liegt nur daran, dass sich die Kinder in einen Bunker retten konnten.)

Darauf, dass der Wiener Gemeinderat „das brutale Vorgehen“ der palästinensischen Terroristen „auf das Schärfste verurteilt“, wartet die Weltöffentlichkeit vergebens. Auch davon, „...dass die EU und die Bundesregierung aufgefordert werden, alles zu unternehmen, um diesen Vorfall international zu untersuchen und lückenlos aufzuklären“, war aus dem Rathaus bislang keine Silbe zu hören.

Verständlich: Was geht schließlich den Wiener Gemeinderat an, dass jüdische Kinder sich in den Kopf gesetzt haben, ausgerechnet dort in die Schule gehen zu wollen, wo die Kassam-Raketen ihrer palästinensischen Nachbarn einschlagen? Man kann sich ja nicht um alles kümmern, schon gar nicht, wenn die Abgeordneten gerade mit dem Erhöhen der Tarife für kommunale Dienstleistungen kaum nachkommen. Nicht einmal der große sozialdemokratische Humanist und Kommunalpolitiker Omar Al-Rawi, Mitglied des Wiener Gemeinderats und gern gesehener Gastredner bei Wiener Sympathiedemonstrationen für die Hamas, der sonst verlässlich moralisch hyperventiliert, sobald in Jerusalem ein Israeli einen Palästinenser schief anschaut, hat sich angesichts der Raketenangriffe zu Wort gemeldet.


Er beweist damit feines Gespür für Prioritäten: Genosse Al-Rawi, vor zwei Jahren noch spiritueller Führer des gemeinderätlichen Widerstands gegen das zionistische Gebilde und seine Lakaien, ist derzeit mit der Unbill der Parkraumbewirtschaftung in seiner politischen Heimat Meidling bis an die Grenzen seiner geopolitischen Problemlösungskapazitäten ausgelastet. Politisch überrascht das nicht: Von den Stimmen derer, die Raketenangriffe auf israelische Schulen irgendwie nicht ganz okay finden, kann man als sozialdemokratischer Politiker in manchen multikulturell bereicherten Stadtteilen politisch kaum satt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2012)

Donnerstag, 15. März 2012

Israelkritische Linke sauer auf Hamas

Und zwar nicht wegen des patriarchalischen Weltbildes, der Frauendiskriminierung, der Homophobie, des Klerikalfaschismus oder Judenhasses. Nein.

Die Trotzkisten der Marx21-Linke ist sauer, weil die Hamas offenbar erwägt, der Gewalt abzuschwören und mit Israel zu verhandeln... .

"Hamas stellt sich auf die Seite des US-Imperialismus und gegen Syrien und den Iran" titelt die
WSWS

Das klang vor wenigen Monaten noch ganz anders:

Ein nicht ganz so be­kann­tes Bei­spiel sind die eben­so un­säg­li­chen The­sen des Ste­fan Zief­le. Die­ser ist wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter der Lin­ken-​Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Chris­ti­ne Buch­holz und ge­hört zum Netz­werk „Marx 21″ in­ner­halb der Par­tei. Au­ßer­dem ist Zief­le der Spre­cher der „BAG Frie­den und in­ter­na­tio­na­le Po­li­tik der LIN­KEN“. Ste­fan Zief­le hielt auf einer Ver­an­stal­tung sei­nes or­ga­ni­sa­to­ri­schen Zu­sam­men­schlus­ses ein Re­fe­rat, das sich mit der Frage be­schäf­tig­te, ob Kri­tik an Is­ra­el an­ti­se­mi­tisch sein könne.
Sein Re­fe­rat, ge­hal­ten am 21. No­vem­ber 2010 in Ber­lin, ge­riet zu einem flam­men­den Ap­pell gegen den is­rae­li­schen Staat und für die an­ti­se­mi­ti­sche Hamas. Das der is­rae­li­sche Staat eine Kon­se­quenz aus der Shoah sei, die­ser Er­kennt­nis ver­wei­ger­te sich der wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter stand­haft und be­zeich­ne­te der­ar­ti­ge Ge­dan­ken als „Blöd­sinn“. Zief­le be­haup­te­te unter an­de­rem, dass der „Zio­nis­mus eine völ­ki­sche Ideo­lo­gie“ dar­stel­len würde und ver­glich die­sen mit dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, der an­geb­lich auf die glei­chen Tra­di­ti­ons­li­ni­en zu­rück­bli­cken könne. An­sons­ten zeich­ne­te Zief­le ein blu­ti­ges Bild­nis, mit dem er Is­ra­el für alles Un­recht in der Re­gi­on ver­ant­wort­lich mach­te. „Aber zu sagen, die Juden haben das Land ge­klaut (…) ist nicht an­ti­se­mi­tisch“, be­haup­te­te der wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter. Eben­so sei die For­de­rung „alle Juden ins Meer zu schmeis­sen“ kein An­ti­se­mi­tis­mus. Der­ar­ti­ge For­de­run­gen hält Zief­le zwar für „ver­kürzt“, ohne ihnen al­ler­dings die Be­rech­ti­gung ab­zu­spre­chen, weil sie le­dig­lich eine Kon­se­quenz der an­geb­li­chen Un­ter­drü­ckung durch den is­rae­li­schen Staat dar­stel­len wür­den: „Wenn dann Men­schen da­her­kom­men und sagen (…), die Juden, guck mal was die mit uns ma­chen, dann ist das nicht An­ti­se­mi­tis­mus in mei­nen Augen“.
Gegen Ende sei­nes Re­fe­rats, das mit dem Wort Hetze noch fast ver­harm­lo­send um­schrie­ben wäre, ging Zief­le aufs Ganze und rief zur So­li­da­ri­tät mit den an­ti­se­mi­ti­schen Mord­ban­den auf. Ins­be­son­de­re die Hamas hat es ihm an­ge­tan, die nicht durch „faule Kom­pro­mis­se, son­dern durch Kampf, durch den be­waff­ne­ten Wi­der­stand“ agie­ren würde. In der Char­ta der Hamas heißt es unter an­de­rem: „Die Zeit wird nicht an­bre­chen, bevor nicht die Mus­li­me die Juden be­kämp­fen und sie töten; bevor sich nicht die Juden hin­ter Fel­sen und Bäu­men ver­ste­cken, wel­che aus­ru­fen: Oh Mus­lim! Da ist ein Jude, der sich hin­ter mir ver­steckt; komm und töte ihn!“ Diese Hamas be­schrieb Zief­le trotz al­le­dem als „so­zia­le Be­frei­ungs­be­we­gung“, mit der sich „Die Linke“ so­li­da­ri­sie­ren soll­te. In­ner­halb sei­nes halb­stün­di­gen Re­fe­ra­tes mach­te Ziels­ke auf ge­spens­ti­sche Weise deut­lich, dass der Hass auf Is­ra­el in­ner­halb der Par­tei „Die Linke“ ein Ve­hi­kel ist, mit dem das an­ti­se­mi­ti­sche Res­sen­ti­ment Ver­brei­tung fin­den kann. "
Quelle: http://reflexion.blogsport.de/2011/06/03/die-thesen-des-stefan-ziefle/

Mitglied von Marx21 ist auch die Münchner LINKE MdB Nicole Gohlke.

Montag, 12. März 2012

Veranstaltungshinweis: Wochen gegen Rassimus


Veranstaltungsreihe vom 12.03.2012 – 25.03.2012

Wanderausstellung des Verein Dokumentationsstätte KZ Hersbruck e.V. in der
Synagoge der Jüdische Kultusgemeinde Erlangen K.d.ö.R.
Rathsberger Str. 8b, Erlangen 91054

Öffnungszeiten der Ausstellung: Montag bis Donnerstag und Samstag/Sonntag von 18-21 Uhr
Referate und Vorträge mit anschließender Diskussion, Beginn jeweils 19 Uhr

Montag, 12.03.2012
"Das KZ Hersbruck und die Doggerstollen - Gedenkstätte und Lernort."
Referent: Thomas Wrensch, Pfr., Mitarbeiter Dokumentationsstätte KZ Hersbruck e.V.
Beginn 19 Uhr

Donnerstag, 15.03.2012, Beginn 19 Uhr
Referat: Dr. phil. Andreas Jakob, Leiter des Erlanger Stadtarchives
„In der Nacht, in der die Judenaktion stattfand”. Der Pogrom vom 9./10. November 1938 in Erlangen und seine juristische Aufarbeitung nach 1945"

Freitag, 16.03.2012, Beginn 19 Uhr
Schabbatempfangsgebet. Voranmeldung erbeten.

Samstag, 17.03.2012, Beginn 20 Uhr
Referat: Dr. Eckart Dietzfelbinger, Dokuzentrum Nürnberg
und Birgit Mair, Tachelesprojekt e.V.
„Die Gegenwart des Antisemitismus“

Montag, 19.03.2012, Beginn 19 Uhr
Referat:Sait Ìçboyun (Student,Sprecher Fachforum Migration der SPD Augsburg), Cahit Kaya (Grafiker, Blogger, Zentralrat der exMuslime Österreich)
“Antisemitismus in der Einwanderergesellschaft“

Mittwoch, 21.03.2012, Beginn 19 Uhr
Referat: Dr. Olaf Kistenmacher, Historiker und Radiomacher, Freie Sender Kombinat Hamburg
„Rätekommunistische und anarchistische Kritik am Antisemitismus von links“

Freitag, 23.03.2012 Beginn 19 Uhr
Schabbatempfangsgebet. Voranmeldung erbeten.

Samstag, 24.03.2012, Beginn 19 Uhr
Abschlussdiskussion

Donnerstag, 8. März 2012

Ein Kronzeuge fällt um

Norman Finkelstein wettert gegen die Israel-Boykottbewegung

08.03.2012 – von Michael WuligerMichael Wuliger


Selbstkritik: Norman Finkelstein

© dpa

Die unter dem Kürzel »BDS« – für »Boycott, Divest, Sanction« – bekannte und vor allem in Großbritannien, Kanada und den USA extrem aktive Israel-Boykottbewegung »ist eine Sekte«, der es »nicht um die Rechte der Palästinenser geht, sondern um die Zerstörung Israels«. Ihre »Marschbefehle« bekommt sie »von Gurus in Ramallah«. Bei denen handelt es sich um »Ein- Mann-Operationen«, die behaupten, die palästinensische Zivilgesellschaft zu vertreten, in Wirklichkeit aber »absolut nichts repräsentieren«.

»albern« Das sagt nicht Benjamin Netanjahu oder Henryk Broder. Die Zitate stammen aus einem Interview mit keinem Geringeren als Norman Finkelstein. Der amerikanische Politologe, in Deutschland bekannt geworden durch seine Polemik Die Holocaust–Industrie (2001), ist einer der prominentesten jüdischen Kronzeugen des organisierten Antizionismus. Wegen seiner Kontakte zur libanesischen Hisbollah verhängte Israel gegen ihn 2008 ein zehnjähriges Einreiseverbot. Der Mann hat in der Szene also das, was im Rapperjargon »street cred« genannt wird, Glaubwürdigkeit.

Umso größer jetzt die Verwirrung und Empörung unter den Israelkritikern. Denn Finkelstein kritisiert nicht nur ihr Auftreten (»albern, kindisch, linkes Getue«). Er schlachtet auch einige ihrer heiligsten Kühe.

Etwa das geforderte Rückkehrrecht für palästinensische Flüchtlinge: »Wird die Öffentlichkeit es vernünftig finden, wenn sechs Millionen Palästinenser in ein Land strömen, das jetzt 1,8 Millionen Palästinenser und 5,5 Millionen Juden hat? Ich glaube nicht, dass man das vermitteln kann.« Und er stellt die rhetorische Frage: »Wollt ihr den Konflikt lösen oder Schrecken im Herzen jedes Israelis säen?«

bankrott Ist Norman Finkelstein, wie ein anti-israelischer Blogger meinte, zum »zionistischen Rabauken« geworden? Eher nicht. Seine Bemerkungen, die auf YouTube kursierten, bevor sie dort runtergenommen wurden (das Video findet man jetzt unter http://vimeo.com/36854424) sind aber ein Indiz dafür, wie intellektuell und moralisch bankrott die Israel-Boykottbewegung ist, dass sie selbst einem ihrer prononciertesten Anhänger mittlerweile peinlich ist.

Allzu viel Hoffnung, dass die Kritik aus den eigenen Reihen zum Nachdenken bei den organisierten Antizionisten führt, auch denen in Deutschland, sollte man sich dennoch nicht machen. Wie Finkelstein selbst sagt, ist die Boykottbewegung eine Sekte. Anhänger von Sekten aber, ob sie nun Scientology heißen, Jews for Jesus oder BDS, haben sich in ihrem Glauben durch bloße Tatsachen noch nie beirren lassen.

Quelle: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/12478

Montag, 5. März 2012

“Die Endlösung der Israel-Frage”

Dieser Artikel ersetzt die gesamte Jahresproduktion eines Institutes zur Antisemitismusforschung. Entscheidend finde ich ohnehin die Position der Linken zu den lebenden Juden. Stolpersteine verlegen und Holocaustgedenken machen auch Höger, Groth, Paech et al.

“Die Endlösung der Israel-Frage”, von H.Broder

"Unter anderen Bedingungen hätte aus mir was werden können. Im Sommer 1946, fünfzehn Monate nach Kriegsende geboren, hatte mich das Schicksal einem Vater und einer Mutter zugeteilt, die sich gegenseitig das Überleben übel nahmen. Wäre ich gefragt worden, ob ich unter diesen Voraussetzungen auf die Welt kommen wollte, hätte ich sicher mit einem klaren "Nein!" geantwortet. Ich hatte eine ziemlich miese Kindheit im polnischen Kattowitz. Die Jugend im rheinischen Köln war auch nicht viel besser. Wurzeln schlagen, irgendwo heimisch werden, das kam nicht infrage. Wir waren auf der Durchreise. Leider hatten meine Eltern vergessen, wohin sie eigentlich wollten. In die Schweiz? Nach Amerika? Oder doch nur zur Kur nach Bad Kissingen?

Es gab immer genug zu essen, auch über einen Mangel an Emotionen konnte ich mich nicht beklagen. Dass sich meine Eltern nicht gegenseitig umbrachten, lag vor allem daran, dass ich im entscheidenden Augenblick dazwischenging und sie entwaffnete. So lernte ich sehr früh, was "Streitkultur" bedeutet.

Mit 18 machte ich den Führerschein, mit 20 das Abitur, dazwischen verlor ich die Unschuld an Christiane, eine Trotzkistin aus gutem Hause, die sich sehr viel Mühe machte, mir den Unterschied zwischen der Dritten und der Vierten Internationale zu erklären. Sie brachte mir auch alles Wissenswerte über die "Diktatur des Proletariats" bei, die reaktionäre Kleinbürger wie mich, die sich weigerten, morgens um fünf Flugblätter an Fordarbeiter zu verteilen, sofort an die Wand stellen oder in ein Erziehungslager einweisen würde. Sie versprach, sich dafür einzusetzen, dass man mich im Erziehungslager anständig behandelt, allerdings konnte sie mir weder ein Einzelzimmer garantieren noch zusichern, dass man mir erlauben würde, abends nach getaner Zwangsarbeit einen anderen Sender als Radio Tirana zu hören. Später erfuhr ich, dass sie heimlich Klavierstunden bei einem Privatlehrer nahm.

Ich war, natürlich, links, nahm an Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, Springer und die Erhöhung der Fahrpreise bei den Kölner Verkehrsbetrieben teil. Ich bedauerte, den Kriegsdienst nicht verweigern zu können, weil ich, als Kind von Überlebenden, gar nicht dazu eingeladen wurde, ihn zu leisten. Gleich nach dem Abitur wollte ich Jurist werden, Strafverteidiger, der Unschuldige aus den Klauen der Klassenjustiz befreite, später Soziologe, der die Arbeit von Max Weber und Émile Durkheim fortsetzte. Mein besonderes Interesse galt der Darstellung der Sexualität in Wort und Bild, die Feldarbeit leistete ich in Antiquariaten, die "Bücher für Erwachsene" anboten: "Die vollkommene Ehe" von Theodor Hendrik van de Velde, "Josefine Mutzenbacher" von Felix Salten, die "Venus im Pelz" von Leopold von Sacher-Masoch, die "Sittengeschichte" in sechs Bänden von Eduard Fuchs. Mit 24 schrieb ich mein erstes Buch, "Wer hat Angst vor Pornographie?", eine wilde Suada gegen Zensur im Literaturbetrieb, die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften und notgeile Staatsanwälte, die sich bei der Jagd auf unanständige Bücher abreagierten. Ich ließ mich, nur mit einem Handtuch bekleidet, als Pin-up-Boy fotografieren, was meine Eltern dermaßen aus der Fassung brachte, dass sie ihre Streitigkeiten für eine Weile einstellten.

So tobte ich durch das Leben, wie ein Kind auf einer Kirmes, vom Autoskooter zur Achterbahn, vom Kettenkarussell zum Riesenrad. Es gab damals kein Facebook, kein Internet, keine Klimakatastrophe und kein allgemeines Rauchverbot. Wer etwas erleben wollte, konnte aus dem Haus gehen, ohne sich dabei Sorgen über den CO2-Fußabdruck zu machen, den er den nachfolgenden Generationen hinterließ.

Anfang September 1972 kam es zu dem "Massaker von München". Palästinensische Terroristen aus dem Umfeld des "Schwarzen September" überfielen die israelische Olympiamannschaft, nahmen elf israelische Sportler als Geiseln und brachten zwei von ihnen gleich bei der Geiselnahme um. Die übrigen neun wurden bei einem missglückten Befreiungsversuch getötet.

Ich gab mir damals alle Mühe, das Ereignis zu ignorieren oder es zumindest nicht als das wahrzunehmen, was es war: ein politisch motivierter Mord an Juden unweit der Stelle, an der bis 1945 einige Zehntausend Häftlinge im Konzentrationslager Dachau vom Leben zum Tode befördert worden waren. Noch auffälliger war, wie der Anschlag in den Medien kommentiert wurde: zum einen als ein Versagen der deutschen Sicherheitsorgane, zum anderen als Reaktion auf die Politik Israels den Palästinensern gegenüber. Vor allem aber als eine Bedrohung für die "heiteren Spiele", die "eine Werbung für die Bundesrepublik Deutschland sein" sollten (Willy Brandt), ein unbeschwertes, fröhliches Land, weltoffen und gastfreundlich, ganz anders als das Dritte Reich, das sich 1936 mit Olympischen Spielen schmückte.

Nach dem Tod der elf israelischen Sportler wurden die "heiteren Spiele" fortgesetzt, als wäre ein Lieferwagen mit Leberkäse auf dem Weg zum Olympiapark verunglückt. Die heiteren Spiele gingen mit einer heiteren Feier zu Ende. Danach ging es nur noch um die Frage, ob die Bundesrepublik "Schadenersatz" an die Angehörigen der Opfer zahlen sollte.

Vier Jahre später, im Sommer 1976, wurde eine Air-France-Maschine auf dem Flug von Tel Aviv nach Paris nach einer Zwischenlandung in Athen von zwei Terroristen der "Volksfront zur Befreiung Palästinas" und zwei Angehörigen der deutschen "Revolutionären Zellen" über Bengasi in Libyen nach Entebbe in Uganda entführt. Die Entführer wollten über 50 inhaftierte Gesinnungsgenossen aus Gefängnissen in Israel, Deutschland, Frankreich und der Schweiz freipressen, darunter Angehörige der RAF und der "Bewegung 2. Juni".

Bis dahin handelte es sich um ein "normales" terroristisches Unternehmen. Dann aber fand auf dem Flughafen von Entebbe eine Selektion statt: 80 Israelis und 22 Juden mit französischen Pässen wurden aussortiert und festgesetzt, die übrigen Passagiere freigelassen. Sie durften mit einer anderen Air-France-Maschine heimfliegen.

Da die palästinensischen Terroristen aufgrund gewisser Bildungsdefizite nicht imstande waren, Juden von Nichtjuden anhand der Namen in den Pässen zu unterscheiden, übernahm der deutsche Terrorist Wilfried Böse - nomen est omen - diese Aufgabe. Als ihm einer der jüdischen Passagiere seine auf den Unterarm eintätowierte KZ-Nummer zeigte, soll Böse gesagt haben, er sei kein Nazi, sondern ein "Idealist".

Eine Woche nach der Entführung der Air-France-Maschine, in der Nacht vom 3. auf den 4. Juli 1976, landete ein israelisches Kommando in Entebbe, liquidierte die Geiselnehmer, befreite die Geiseln aus der Obhut der ugandischen Armee und flog sie über Nairobi nach Tel Aviv. Bei der Befreiungsaktion kamen drei der 103 Geiseln ums Leben. Eine 75 Jahre alte Israelin, die in einem Krankenhaus in Kampala lag, wurde am folgenden Tag von Mitarbeitern des ugandischen Präsidenten Idi Amin in ihrem Bett getötet, ebenso die Ärzte und Krankenschwestern, die sie beschützen wollten.

Kaum waren die befreiten Geiseln in Tel Aviv gelandet, setzte eine Diskussion über die völkerrechtlichen Aspekte der israelischen Kommandoaktion ein. Der damalige UN-Generalsekretär Kurt Waldheim, ein Österreicher mit einer lupenreinen NS-Vergangenheit, bezeichnete die Aktion als eine "ernste Verletzung der Souveränität eines UN-Mitgliedsstaates". Deutsche Antiimperialisten stimmten Waldheim zu und beklagten in Botschaften an Idi Amin die "flagrante Verletzung der Souveränität" Ugandas durch die brutalen Israelis.

Ich kam mir vor wie ein Besucher in einem Irrenhaus, in dem die Patienten die Verwaltung an sich gerissen hatten. Stein des Anstoßes war nicht die Entführung der Maschine und die Selektion der jüdischen Geiseln - die erste nach 1945 -, es war die israelische Aktion zur Befreiung der Geiseln. Die "Operation Entebbe" war mein privates Erweckungserlebnis. Anders als bei dem Olympia-Anschlag von 1972 war ich nicht in der Lage, mich in das Paradies der selig machenden Ignoranz zurückzuziehen. Wenn dies das fortschrittliche politische Milieu war, dann wollte ich mit dieser verkommenen Mischpoche nichts zu tun haben. Die gleichen Dritte-Welt-Aficionados, die bewaffnete Befreiungsbewegungen unterstützten, ohne sich um die Souveränität der betroffenen Staaten zu kümmern, die gleichen Hinterfrager, die nicht verstehen konnten, warum die Juden keinen Widerstand geleistet und sich "wie Vieh zur Schlachtbank" hatten führen lassen, waren nun ganz aus dem Häuschen, weil die Souveränität einer Telenovela-Republik verletzt wurde und Juden Widerstand geleistet hatten, ohne einen UN-Beschluss zum Umgang mit Entführern und ihren Komplizen abzuwarten.

Der "Ständige Ausschuss des Politbüros des ZK der KPD" - einer kleinen, aber sehr aktiven und lautstarken maoistischen Gruppe - gab eine "Erklärung" heraus, die mit dem Satz schloss: "Dem Ministerpräsidenten von Uganda, seiner Exzellenz Idi Amin, drücken wir unsere uneingeschränkte Solidarität aus und versichern ihm unser tief empfundenes Mitgefühl anlässlich der Ermordung von Angehörigen der ugandischen Armee." Das Zentralorgan einer anderen maoistischen Organisation, des vor allem an Universitäten aktiven KBW, stellte grundsätzliche Überlegungen zur "Geschichte des Zionismus" an, die vor allem eine "Geschichte des Terrors" sei: "Mit seiner bewaffneten Aggression gegen Uganda, einen souveränen Staat, 3700 km von Israel entfernt, hat der zionistische Staat eine weitere Seite in dieser Geschichte aufgeschlagen. Der zionistische Staat und seine imperialistischen Hinterleute mögen es noch eine Weile so treiben und die Unabhängigkeit der Staaten mit Füßen treten. Ihr Weg führt unvermeidlich in den Untergang. Hitlers Blitzkriege haben oberflächlichen Beobachtern große Bewunderung und großes Erstaunen abgerungen. Man weiß, wie es mit dem 3. Reich geendet hat ... Die jetzige Aggression Israels gegen einen unabhängigen und souveränen Staat Afrikas wird früher oder später die angemessene Antwort erhalten ..."

Das waren sozusagen rhetorische Höhenflüge aus gegebenem Anlass. Aber auch die ganz normale tägliche Berichterstattung kam ohne antisemitische Sottisen nicht aus.

Israel, der "militärische Brückenkopf der US-Imperialisten mitten im Herzen der arabischen Länder", ist "die blutrünstige und machtgierige Bastion gegen die Völker", ein "bis an die Zähne bewaffneter grausamer Feind, der auch vor Völkermord nicht zurückschreckt", "die israelischen Faschisten kennen kein Erbarmen", "die Zionisten sind tausendfach Mörder und nur durch Terror und Massenmord in den Besitz des palästinensischen Territoriums gelangt", "israelische Supermörder" und "zionistische Mordbanden" bedienen sich "des faschistischen Terrors, um ganze Landstriche Palästinas araberfrei zu machen", die Zionisten sind "die Nazis unserer Tage", in Israel zeigt sich "der unterdrückerische und menschenverachtende Charakter des israelischen Kolonialstaates" und "der menschenverachtende und parasitäre Charakter des israelischen Unterdrückerstaates", Israel wird "von einer Militärkaste beherrscht" und ist ein "mit geraubtem Land und geschnorrtem Geld errichtetes künstliches Gebilde".

Die "Zentralorgane", in denen diese Überlegungen zur Lage im Nahen Osten erschienen sind, gibt es nicht mehr, sie modern im Abgrund der Geschichte. Aber die Inhalte der "Roten Fahne", des "Roten Morgens", der "Kommunistischen Volkszeitung", des "Arbeiterkampfes" und anderer Sprachrohre des Anti-Imperialismus findet man heute in der FAZ und der taz, der SZ und der FR, dem "Stern" und der "Berliner Zeitung". Etwas feiner formuliert, aber substanziell gleich. Im redaktionellen Teil, in den Leserbriefen und in den Foren der Online-Angebote. Was in den 70er-Jahren an den Rändern der Gesellschaft vor sich hin köchelte, macht sich heute im Mainstream breit.

Alles, was man über den "menschenverachtenden Charakter des israelischen Unterdrückerstaates" wissen muss, fasste "Focus Online" in einem einzigen Satz zusammen: "Israel droht mit Selbstverteidigung." Ja, so sind sie, die Zionisten: passiv-aggressiv und bis an die Zähne bewaffnet, während die Hamas im Gazastreifen nur "selbst gebaute" bzw. "selbst gebastelte" Raketen abfeuert, harmlos wie Silvesterkracher, wie uns immer wieder versichert wird, um die "Unverhältnismäßigkeit" der israelischen "Vergeltungsmaßnahmen" zu beschreiben.

Mit Entebbe war es mit meinem "state of denial" schlagartig vorbei. Ich mutierte zu einem Streckenwärter, der die Gleise entlangläuft und einsammelt, was aus den vorbeifahrenden Zügen fällt. Ich las die vielen linken Organe und exzerpierte alles, was mit dem Konflikt im Nahen Osten zu tun hatte. Von einer bösartigen, einseitigen, tendenziösen Berichterstattung oder Kommentierung zu sprechen, wäre eine arge Untertreibung. Es war der reine Antisemitismus im Kostüm des Antizionismus; die Maskerade war ein wichtiger Teil der Vorstellung, denn nicht nur Gerhard Zwerenz war damals der Überzeugung, ein Linker könne von Natur aus kein Antisemit sein, basta!

Die private Überzeugung von Zwerenz und seiner politischen Freunde war in der DDR Teil der Staatsräson. Da man mit dem Dritten Reich nichts zu tun und den "Hitler-Faschismus" mit Stumpf und Stiel "ausgerottet" hatte, war man auch gegen Antisemitismus vollkommen immun. Man hatte einfach "Juden" gegen "Zionisten" und "Weltjudentum" gegen "Zionismus" ausgetauscht - so wie Gysi und seine Freunde später den Firmennamen "SED" aufgaben und sich den Namen "Partei des demokratischen Sozialismus" zulegten.

Sowohl in der Bundesrepublik wie in der DDR war Antisemitismus gleichbedeutend mit Rassismus und Ressentiment, roch nach SA, SS und Zyklon B. Antizionismus aber war eine saubere politische Haltung, man hatte nichts gegen Juden, denen so Schreckliches widerfahren war, man übte nur Kritik am Verhalten der Zionisten, den "Nazis unserer Tage".

Die Verlagerung der eigenen Vergangenheit auf Israel war ein durchaus kluges Manöver, auch wenn es nicht aus dem Kopf, sondern aus dem Verdauungstrakt kam. Deutschland hatte einfach ein zu großes Stück Geschichte abgebissen, das nun buchstäblich quer im Magen lag und Schmerzen verursachte. Und so wie man gelegentlich deutschen Müll auf Deponien im benachbarten Ausland entsorgte, so wollte man auch den historischen Müll außer Landes bringen. Ihn nach Israel zu schaffen, hatte gleich zwei Vorteile: Erstens konnte man damit den "Judenknacks" (Dieter Kunzelmann) loswerden, der die Deutschen an ihrer "Wiedergutwerdung" (Eike Geisel) hinderte. Zweitens holte man damit vollkommen risikolos den Widerstand nach, den die eigenen Eltern nicht geleistet hatten. Man kämpfte gegen "israelische Faschisten", die Palästina "araberfrei" machten, gegen einen "grausamen Feind", der auch vor "Völkermord" nicht zurückschreckte. Aber es waren nicht die Wehrmacht, die Waffen-SS und die Sondereinheiten des Reichssicherheitshauptamts (RSHA), die hinter der Front aufräumten, es waren "israelische Supermörder" und "zionistische Mordbanden", die man daran hindern musste, ein anderes Volk, die Palästinenser, auszurotten.

Damals wie heute kam die "Israelkritik" nicht ohne einen Rekurs auf das Dritte Reich aus. Mir waren der obsessive Charakter und die historische Dimension dieser Strategie nicht klar, ich fand sie nur seltsam. Ich ahnte, es ging nicht um Israelis, es ging um Deutsche, die Kinder von Adolf Eichmann, Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich.

Das Einzige, was man ihnen zugutehalten konnte, war, dass sie tatsächlich mit der eigenen Geschichte haderten. Das reichte aber nicht, um ihnen durchgehen zu lassen, dass sie in den Spuren ihrer Eltern wandelten. Die Deutschen, schrieb Wolfgang Pohrt, führten sich auf wie "Bewährungshelfer", die vor allem darauf achten, dass "ihre Opfer nicht rückfällig werden". Eine bessere, genauere und trostlosere Beschreibung der deutschen Krankheit ist noch niemandem gelungen.

Hinzu kam, dass die einzelnen linken Gruppen und "Massenorganisationen" sich bis aufs Blut bekämpften, gegenüber Israel aber eine feste Front bildeten. Israel war nicht nur der kleinste, es war auch der einzige gemeinsame Nenner ihrer Politik. Ein Mann wie Klaus Rainer Röhl, der Herausgeber der Zeitschrift "konkret", war in der linken Szene höchst umstritten, seinem Satz, Israel sei ein "mit geraubtem Land und geschnorrtem Geld errichtetes künstliches Gebilde", konnten aber alle zustimmen, die sich mit ihm nicht einmal auf die beste Whiskey-Sorte einigen konnten. Dabei - wir sind noch in den 70er-Jahren, acht Jahre nach dem Sechstage- und drei Jahre nach dem Jom-Kippur-Krieg - ging es nicht um die besetzten Gebiete, um Gaza, den Golan und die Westbank, es ging um Israel an sich, ein mit geraubtem Land und geschnorrtem Geld errichtetes künstliches Gebilde, das man seinen rechtmäßigen Besitzern zurückgeben müsse. So wie Deutschland "Wiedergutmachung" an den Juden geleistet hatte, so sollte es auch dafür sorgen, dass die Palästinenser entschädigt werden, denn sie waren ja die "Opfer der Opfer". Der moralische Imperativ dieser Forderung bestimmt bis heute die deutsche Haltung zum Nahostkonflikt.

Damals wie heute war es schwierig bis unmöglich, einen ehrlichen Antisemiten zu finden, der aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Eher zeigt sich ein Steuerhinterzieher selbst beim Finanzamt an, als dass ein ganz normaler Deutscher zugibt, ein Problem mit Juden zu haben. Solange sich der Antisemitismus auf Ausgrenzung und Diskriminierung beschränkte, war er eine halbwegs ehrenwerte Haltung, nicht nett, aber auch nicht letal. Nach Auschwitz wäre ein offenes Bekenntnis zum Antisemitismus eine retroaktive Beihilfe zum Massenmord. Es ist also erheblich komplizierter geworden, die Juden nicht zu mögen und diesem Gefühl einen zeitgemäßen Ausdruck zu verleihen - indem man zum Beispiel schreibt, Israel sei ein "mit geraubtem Land und geschnorrtem Geld errichtetes künstliches Gebilde".

In diesem Satz stecken zwei Botschaften. Erstens: Die Israelis sind Landräuber und Schnorrer, eine Variante des antisemitischen Klassikers von den Juden als Blutsauger und Parasiten. Zweitens: Ein auf dieses Weise zustande gekommenes "künstliches Gebilde" hat keine Existenzberechtigung. Natürlich sagte Röhl nicht, so ein Land gehöre abgeschafft oder aufgelöst. Aber genau das ist der Subtext, der sich dem Leser erschließt. Weg mit diesem künstlichen Gebilde, das durch Raub und Schnorrerei entstanden ist!

Als Röhl diese Zeilen schrieb, im Sommer 1973, war er selbst ein Schnorrer, der kofferweise Bargeld aus der DDR anschleppte, um ein künstliches Gebilde namens "konkret" am Leben zu erhalten. Aber anders als die Israelis tat er es für einen guten Zweck - um Sand ins Getriebe des Kapitalismus zu streuen und nebenbei seinen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren. Und so wie sich Dr. Jekyll bei Vollmond in Mr Hyde verwandelt, so mutierte der Hanseat Röhl immer wieder zu einem antisemitischen Jammerlappen, der sich beispielsweise über die gute körperliche Verfassung von Henry Kissinger wunderte, die es ihm erlaubte, die vielen Reisen "ohne eine Andeutung von Verschleiß oder Abnutzung" zu überstehen, was Röhl vor allem auf die "jahrtausendealte gesunde koschere Ernährung" zurückführte, speziell auf die mit "Knoblauch", so Röhl in einem Artikel. Ein anderes Mal räsonierte er über "kalte Krieger" wie Gerhard Löwenthal und William S. Schlamm, weil sie politische Positionen vertraten, die Röhl für inakzeptabel hielt: "In Nordamerika, wo es viele Schlamms und Löwenthals gibt, kursiert unter Studenten der Satz, dass Hitler die europäischen Juden vertrieben habe, damit sie in den USA den Faschismus aufbauen helfen ..."

Nachdem die "Allgemeine Wochenzeitung der Juden" in einem ausgesprochen zurückhaltenden Beitrag Röhl vorgeworfen hatte, an "antisemitische Instinkte" zu appellieren, reagierte er wie ein Einbrecher, der sich über die schlechten Manieren des Hausbesitzers aufregt, weil dieser ihm die Tür nicht geöffnet habe. Der Artikel in der "Allgemeinen" sei "eine offene Denunziation, eine Aufforderung an die Justiz", etwas, das man "nicht mit Schweigen übergehen" könne. Also sprach "konkret"-Herausgeber Klaus Rainer Röhl: "Vorbild dieser Zeitschrift waren und sind die Weltbühne Ossietzkys und sein wichtigster Autor Tucholsky. Zu den Autoren der ersten Stunde gehören ... Kurt Hiller und viele andere jüdische Schriftsteller und Publizisten, Opfer des Faschismus und Gegner der Faschisten: Robert Neumann und Erich Fried, der Ostberliner Anwalt Friedrich Karl Kaul ebenso wie der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, Ludwig Marcuse und Hermann Kesten, ebenso wie die Hamburger Freunde Peggy Parnass und Eberhard Zamory, Mitstreiter der frühen Jahre ..."

Es gehört zu den Ritualen des Antisemitismus, dass seine Subjekte, sobald man sie mit beiden Armen bis zu den Ellbogen im Mustopf ihrer Aufwallungen erwischt, sofort anfangen, ihre "jüdischen Freunde" aufzuzählen. Eine Verteidigungsstrategie, wie sie idiotischer nicht sein könnte, geradezu ein Beweis, dass der Vorwurf berechtigt ist. Erstens haben sie ihre Umwelt bereits in Juden und Nichtjuden eingeteilt, was eine Lieblingsbeschäftigung der Antisemiten ist, zweitens übersehen sie, dass auch Juden Antisemiten sein können, wofür die Geschichte und die Literatur genügend Beispiele bieten: von Karl Marx bis Otto Weininger früher, von Norman Finkelstein bis Gerard Menuhin heute. Ihre öffentliche Existenz verdanken sie vor allem dem Umstand, dass sie jüdische Antisemiten sind, wogegen im Prinzip nichts zu sagen ist - denn der Antisemitismus ist eine Krankheit, die jeden befallen kann, unabhängig von sozialer Herkunft, Bildungsstand, nationaler, religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit. Die Welt ist voller Matrosen, die seekrank werden, und Moralhüter, die sich an Kindern vergreifen.

Das Problem mit dem Antisemitismus ist, dass es für ihn keine Maßeinheit gibt, keinen Urmeter, an dem man ihn messen könnte. Natürlich kann man von "gemäßigten" und von "radikalen" Antisemiten sprechen (so wie man mittlerweile zwischen gemäßigten und radikalen Islamisten unterscheidet). Die liberalen klassischen Antisemiten wollten die Juden nur aus dem gesellschaftlichen Leben entfernen und sie irgendwohin ausschaffen, die radikalen klassischen Antisemiten wollten sie gleich ermorden. In der Praxis trägt diese Unterscheidung aber nicht wesentlich zur Klärung der Begriffe bei.

Denn um sicherzugehen, dass die Juden nicht zurückkommen und sich wieder in der Volksgemeinschaft festsetzen, musste man sie umbringen, auch die Kinder und die Ungeborenen. Als radikaler Antisemit beziehungsweise Antizionist gilt heute jemand, der Israel als ein Krebsgeschwür bezeichnet, das entfernt werden muss. Ein gemäßigter Antisemit bzw. Antizionist ist einer, der den Nahostkonflikt "gewaltfrei" lösen möchte, indem er vorschlägt, die Juden/Israelis sollten dahin zurückgehen, woher sie gekommen sind: nach Russland, Polen, Deutschland, Österreich, Ungarn und Hawaii.

Weil es also keinen Antisemitismus-Urmeter gibt, steht es jedermann und jederfrau frei, den Begriff nach eigenem Gusto und Bedarf zu definieren. Die Deutschen haben Glück gehabt, die Geschichte hat ihnen den Maßstab ins Haus geliefert: Auschwitz und der Holocaust. Deswegen rufen sie "Nie wieder!" und "Wehret den Anfängen!", bauen monströse Mahnmale und gedenken jedes Jahr am 27. Januar der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee. Es sei unsere gemeinsame Pflicht, sagen dann die Festredner, dafür zu sorgen, dass sich so etwas Schreckliches nie mehr wiederholt. Doch kaum haben die Redner ihre Manuskripte wieder eingesteckt und die Musiker ihre Instrumente eingepackt, geht es mit der Routine weiter. Man empfängt Vertreter der iranischen Regierung und der iranischen Wirtschaft und verhandelt mit ihnen über einen Ausbau der Beziehungen, wohl wissend, dass die iranische Atompolitik nicht nur Israel, sondern den ganzen Nahen und Mittleren Osten bedroht. Die Deutschen sind dermaßen damit beschäftigt, den letzten Holocaust nachträglich zu verhindern, dass sie den nächsten billigend in Kauf nehmen. Man kann sich ja nicht um alles gleichzeitig kümmern, man muss Prioritäten setzen. Das "Nie wieder!" bezieht sich auf 1933, "Wehret den Anfängen!" meint die "Machtergreifung" durch die Nazis. Zugleich sind die Deutschen sehr stolz darauf, dass sie, im Gegensatz zu den Juden/Israelis, "aus der Geschichte gelernt" haben. Und was haben sie gelernt? Dass vom deutschen Boden nie wieder ein verlorener Krieg ausgehen darf!

Auschwitz ist zu einer Art Markenzeichen geworden, für das Böse an sich und für einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit. Also dafür, wie man erst maßlos sündigen und gleich darauf gewinnbringend büßen kann. "In anderen Ländern beneiden manche die Deutschen um dieses Denkmal", sagte Eberhard Jäckel als Festredner bei dem "Bürgerfest" zum fünften Jahrestag der Inauguration des Berliner Holocaust-Mahnmals. Obwohl der Eintritt frei ist, hat es seine Baukosten von etwa 25 Millionen Euro längst eingespielt, denn es zählt neben dem Jüdischen Museum, der Reichstagskuppel, der Museumsinsel und dem Checkpoint Charlie zu den wichtigsten Touristenattraktionen der Hauptstadt. Aber auch der nicht materielle Gewinn ist gewaltig. Das "Mahnmal für die ermordeten Juden Europas" zeugt von der Bereitschaft der Deutschen, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Das ist in der Tat eine ganze Menge in einem Land, in dem man sogar den Bundespräsidenten zwingen muss, kleine Sünden bei der Finanzierung einer Immobilie zuzugeben. Und verglichen mit den Türken, die bis heute den Völkermord an den Armeniern leugnen, sind die Deutschen die perfekten Aufarbeiter und Bewältiger. Manchmal freilich dauert es doch etwas länger.

Im Sommer des Jahres 2004 reiste die damalige Ministerin für Entwicklungshilfe, Heidemarie Wieczorek-Zeul, nach Namibia, um die dort lebenden Hereros um Vergebung für einen 100 Jahre zurückliegenden Völkermord zu bitten: Im Jahre 1904 hatte der kaiserliche Offizier Lothar von Trotha einen Herero-Aufstand mit deutscher Gründlichkeit niedergeschlagen, wobei etwa 70 000 Eingeborene ums Leben kamen. Die Ministerin, so berichteten die Zeitungen, war während ihrer Ansprache "den Tränen nahe", sie sagte, heute würde man so ein Ereignis "als Völkermord bezeichnen". Allerdings erfolgte die Entschuldigung erst, nachdem feststand, dass die Nachkommen der Opfer keine "Wiedergutmachung" von der Bundesrepublik verlangen würden. Es war ein symbolischer Akt, gebührenfrei und im kleinen Rahmen.

Nicht ganz so lange, nämlich nur 67 Jahre, dauerte es, bis sich die deutsche Justiz auf die Suche nach den Tätern begab, die im Juni 1944 über 600 Einwohner des französischen Dorfes Oradour hingemetzelt hatten. Ende November 2011 wurden die Wohnungen von sechs Verdächtigen, alle Mitte bis Ende achtzig, durchsucht, wobei allerdings "keine wesentlichen Beweismittel" gefunden werden konnten. Keine Leichen im Keller, keine Tapferkeitsorden, nicht einmal eine Postkarte von Eva Braun. Offenbar hatten die ehemaligen SS-Männer die Zeit seit Kriegsende genutzt, um belastendes Material beiseitezuschaffen. So viel kriminelle Energie hätte ihnen niemand zugetraut! Wahrscheinlich muss das Ermittlungsverfahren nun aus Mangel an Beweisen eingestellt werden.

Von Johannes Gross stammt der Satz: "Je länger das Dritte Reich zurückliegt, umso mehr nimmt der Widerstand gegen Hitler und die Seinen zu." Gross ist leider zu früh gestorben, um zu erleben, wie sehr er mit dieser Feststellung richtiglag. Nichts hat derzeit in Deutschland eine solche Konjunktur wie der "Widerstand" - gegen den toten Onkel Adi und seine Kumpane, gegen Atommülltransporte und den Neubau eines Bahnhofs zum Schutze einiger Juchtenkäfer. Wenn sich "Wutbürger" zusammenrotten, um Bäume vor dem Umbetten zu bewahren, so gilt das bereits als "Widerstand".

Das Dritte Reich ist eine Art Wechseltapete, mit deren Hilfe man Zeitreisen inszenieren kann. Fritz Kuhn von den Grünen zum Beispiel, der zum Realo-Flügel seiner Partei zählt, hat im Zusammenhang mit dem Streit um die Mohammed-Karikaturen, die in der dänischen Tageszeitung "Jyllands-Posten" erschienen sind, erklärt, ihn würden diese (exzessiv harmlosen) Cartoons an die "antisemitischen Karikaturen im Stürmer" erinnern. Entweder hatte Kuhn grad kein Kleingeld bei sich oder er verfügt über ein phänomenales pränatales Gedächtnis, wurde er doch erst 1955 geboren.

Es scheint ein Teil des deutschen Generationenvertrages zu sein, dass die Kinder und Enkel das nachzuholen versuchen, was die Eltern und Großeltern versäumt haben. Das kann natürlich nicht funktionieren, schon gar nicht in einem System, das auf Deeskalation und Dialog setzt und Polizisten als "Anti-Konflikt-Berater" in die Straßenschlachten mit der Autonomen Antifa schickt, die man schon rein äußerlich nicht von den Schlägertrupps der Neonazis unterscheiden kann.

Dennoch: Die Freude, einen Castortransport ein paar Stunden aufgehalten zu haben, bringt die Aktivisten gefühlt in die Nähe der Geschwister Scholl. Wer im Bioladen einkauft, fair gehandelten Kaffee trinkt, kalt duscht und seinen Müll trennt, der führt schon "ein widerständiges Leben".

In diesem Kontext der paradoxen Befindlichkeiten bietet der "Widerstand" gegen die "israelischen Faschisten" und "zionistischen Mörderbanden" eine zusätzliche Gratifikation. Man entsorgt nicht nur die eigene Geschichte vor der Tür der Opfer, man tritt auch zum Schulterschluss mit der Mehrheit der Volksgemeinschaft an. Die Ansicht, dass die Israelis den Palästinensern das antun, was die Nazis den Juden angetan haben, ist in Deutschland inzwischen so weit verbreitet und so akzeptiert, dass "Gaza" und "Warschauer Getto" zu Synonymen geworden sind. Soll damit die Lage der Palästinenser dramatisiert oder das Warschauer Getto verharmlost werden? Beides geht, und das ist das Perfide daran.

Erst einmal ist es eine einfache rhetorische Figur, mit der die Israelis zu Nazis und die Palästinenser zu den Juden der Israelis ernannt werden. Diese rhetorische Figur ermöglicht es ihren Erfindern, "Widerstand" gegen Nazis zu leisten, weitgehend symbolisch und im Kreise Gleichgesinnter. Unnötig zu sagen, dass der antizionistische Flashmob über der Realität schwebt.

Für die freilich, die wohl wissen, dass Gaza zwar nicht der "Club Med" ist, dass es dort aber neben Elendsquartieren auch elegante Shoppingmalls, luxuriöse Restaurants und ein reges Strandleben gibt, wirkt die Analogie anders: Wenn es in Gaza so zugeht wie einst im Warschauer Getto, dann können die Lebensbedingungen dort so schlimm nicht gewesen sein. Bingo!

Das Gleiche gilt auch für den "Völkermord", den Israel an den Palästinensern begeht. Es handelt sich um den ersten Völkermord in der Geschichte der Menschheit, bei dem sich die betroffene Population um ein Vielfaches vermehrt hat, allein in Gaza von etwa 300 000 Menschen im Jahre 1967, dem Beginn der Besatzung, auf über 1,5 Millionen im Jahre 2005, als Israel den Küstenstreifen räumte.

Während sich in Deutschland eine gigantische Gedenkindustrie "Gegen das Vergessen" entwickelt hat, die Stolpersteine verlegt, Ausstellungen und Studienfahrten in ehemalige Konzentrationslager organisiert, die ihrerseits als "Bildungsurlaub" geltend gemacht werden, haben die Antisemiten durchaus dazugelernt. Nur noch Exzentriker wie Horst Mahler und seine Anhänger leugnen den Holocaust oder behaupten, die Juden seien in Arbeitslagern an Erschöpfung und Unterernährung gestorben, wie Millionen von deutschen Soldaten in sowjetischer Gefangenschaft. Der moderne Antisemit benutzt die "Auschwitz-Keule", um sie den Juden/Israelis um die Ohren zu hauen: "Ihr seid auch nicht besser, also hört endlich damit auf, uns Vorwürfe zu machen!" Eine verständliche und nachvollziehbare Strategie, um das eigene Gewissen zu beruhigen. Schon deswegen wäre es sinnvoll, Auschwitz zu vergessen. Noch besser wäre es, das Lager dem Erdboden gleichzumachen, statt Unsummen auszugeben, um diesen Rummelplatz des Schreckens zu sanieren und zu konservieren. Allein die Bundesrepublik hat 60 Millionen Euro zugesagt, derweil die letzten Überlebenden des Holocaust in Polen mit weniger auskommen müssen als ein von der UNRWA versorgter Palästinenser in Gaza. Eine Sprecherin des Außenamtes erklärte Anfang 2009 gegenüber der dpa: "Wir betrachten es weiterhin als eine Kernaufgabe Deutschlands, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten. Wir werden weiterhin zu der historischen Verantwortung Deutschlands stehen."

Genau darin liegt das Problem. Die historische Verantwortung Deutschlands erschöpft sich darin, "die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten", nicht etwa die kommende Endlösung der Nahostfrage zu verhindern. Es ist eine Art Ablasshandel. Dabei sind 60 Millionen für die Sanierung von Auschwitz nur ein Bruchteil der Summe, die im deutsch-iranischen Handel umgesetzt wird; eine Broschüre der "Deutsch-Iranischen Handelskammer zu Teheran" führt 200 deutsche Firmen auf, die im und mit dem Iran Geschäfte machen, darunter auch zwei Unternehmen, die Tunnelbohrmaschinen herstellen, die für den Bau von unterirdischen Urananreicherungsanlagen gebraucht werden, und zwei Hersteller von "fahrzeuggestützten", das heißt mobilen Kränen, die bei öffentlichen Hinrichtungen zum Einsatz kommen.

Eine große Mehrheit der Deutschen will von einer besonderen deutschen Verantwortung für Israel nichts wissen. Bei einer Emnid-Umfrage vom November 2011 waren sich 70 Prozent der Befragten der "ernsthaften Gefahr" bewusst, die das iranische Atomprogramm für Israel bedeutet, dennoch sprachen sich 83 Prozent dafür aus, dass Deutschland neutral bleibt, falls es zu einem militärischen Konflikt zwischen Israel und dem Iran kommen sollte. So viel zur Parole: "Wehret den Anfängen!"

Und nun wird es ernst. Rainer Werner Fassbinder lässt in seinem Theaterstück "Der Müll, die Stadt und der Tod" den Antisemiten Hans von Gluck Folgendes sagen: "Und Schuld hat der Jud, weil er uns schuldig macht, denn er ist da. Wär er geblieben, wo er herkam, oder hätten sie ihn vergast, ich könnte heute besser schlafen. Sie haben vergessen, ihn zu vergasen. Das ist kein Witz, so denkt es in mir." Vor allem wegen dieser Sätze musste sich Fassbinder den Vorwurf gefallen lassen, ein Antisemit zu sein. Aber das war er nicht. Er hat nur genau und gnadenlos die Befindlichkeit eines Antisemiten in eine Formel gepackt. "So denkt es in mir."

In der Tat denkt das Es im Antisemiten, während das Ich Ausreden erfindet, weil das Über-Ich gelernt hat, dass man nicht Antisemit sein darf. Deswegen berufen sich Antisemiten bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auf "jüdische Freunde" oder ihre eigene Herkunft, deswegen gerieren sie sich als politische "Antizionisten", die einen Beitrag zur Befriedung des Nahen Ostens leisten wollen, wobei sie genau wissen, dass sie nur alten Wein in neue Schläuche füllen.

"Und Schuld hat der Jud, weil er uns schuldig macht, denn er ist da. Wär er geblieben, wo er herkam, oder hätten sie ihn vergast, ich könnte heute besser schlafen", sagt Hans von Gluck. Tauscht man den "Jud" gegen Israel aus, hat man den schmalen Grat vom Antisemitismus zum Antizionismus überschritten. Und schon wähnt man sich auf der vermeintlich sicheren, politisch-korrekten Seite.

Israel ist im Wellness-Bewusstsein der Deutschen ein Störfaktor. Ein Stachel im Fleisch, ein Steckschuss, der immer wieder Schmerzen verursacht. Israel erinnert die Deutschen nicht nur täglich daran, dass es den Holocaust gegeben hat, es macht ihnen auch bewusst, dass ihre Väter und Großväter mit einem kühnen Projekt gescheitert sind: Europa judenrein zu machen. Denn schlimmer, als ein Verbrechen zu verüben, ist es, ein Verbrechen nicht zu Ende gebracht zu haben. Erinnerungstechnisch wären die Deutschen - aber auch viele Europäer, die mit den Nazis kollaboriert haben - besser dran, wenn die Nazis die "Endlösung" vollendet hätten, wenn also niemand mehr da wäre, der sie daran erinnert, dass sie versagt haben.

Fairerweise muss man hinzufügen, dass Israel zu dieser Einstellung maßgeblich beigetragen hat, indem es sich seit seiner Gründung als das Nachspiel zum Holocaust präsentiert. Es ist keine gute Idee, jeden Staatsgast, kaum dass er in Tel Aviv gelandet ist, nach Yad Vashem zu karren, ihn dort einen Kranz zur Erinnerung "an die sechs Millionen" niederlegen und das übliche "Nie wieder!" ins Gästebuch schreiben zu lassen. Auch wenn es nur ein Ritual ist, das beide Seiten lustlos absolvieren: Irgendwann wird der Bußgang zur Zumutung. Allmächtiger! Nicht schon wieder! Wer sich ständig als Opfer präsentiert, muss damit rechnen, dass das Mitgefühl der Umwelt irgendwann in Aggression umschlägt. Nicht zufällig ist "Du Opfer!" ein auf deutschen Schulhöfen beliebtes Schimpfwort geworden. Wer sich mit seiner Bestimmung als Opfer abgefunden hat, lädt den oder die Täter dazu ein, es noch einmal zu versuchen. Die Frage, ob Israel auch ohne den Holocaust gegründet worden wäre, mag eine interessante Aufgabenstellung für wissenschaftliche Konferenzen und akademische Arbeiten sein, für den Alltag der Israelis und deren Beziehung zur übrigen Welt ist sie vollkommen irrelevant. Die zionistische Bewegung entstand Ende des 19. Jahrhunderts, Herzls "Judenstaat", der "Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage", erschien im Jahre 1896.

Wäre Israel tatsächlich nur ein weiterer Kollateralschaden des Zweiten Weltkrieges - wie beispielsweise die deutsche Teilung -, dann müsste man sich in der Tat fragen, warum die Juden ihren Staat nicht irgendwo in Europa, zum Beispiel in Schleswig-Holstein oder in der Steiermark, etabliert haben und warum die Palästinenser den Preis für die Sünden der Europäer bezahlen sollen.

Wie man die Sache auch dreht und wendet, Israel ist "a pain in the ass". Und jetzt wollen die auch noch U-Boote! Es ist, als stünde einem jeden Morgen der Gerichtsvollzieher wegen längst verjährter Schulden vor der Haustür.

Der Antizionismus in sich ist ebenso wenig eine monolithische Bewegung, wie es der Zionismus war: Der Bogen spannt sich von Neonazis, die mit dem Ruf "Nie wieder Israel!" zu erkennen geben, dass sie diskursmäßig auf der Höhe der Zeit sind, bis zu durchgeknallten ultraorthodoxen Juden und Juden-Darstellern, die den Allmächtigen darum bitten, dem zionistischen Frevel im Heiligen Land ein Ende zu bereiten. Wirklich relevant aber, weil auf einer Art Theorie basierend, ist nur der linke Antizionismus. Der geht, zusammengefasst, so:

Die Juden sind kein Volk, keine Nation, keine Ethnie, sie sind eine Glaubens- bzw. Schicksalsgemeinschaft. Als solche haben sie keinen Anspruch darauf, sich territorial zu organisieren.

Darüber diskutieren seit Tausenden von Jahren die Juden untereinander. Es wäre nett, wenn die Antizionisten es ihnen überlassen würden, darüber zu entscheiden, was sie sein möchten.

Der Zionismus ist eine nationale Bewegung, die im 19. Jahrhundert entstanden ist. Inzwischen haben Nationalismen ausgedient. Die "jüdische Frage" bzw. das "jüdische Problem" kann nicht dadurch gelöst werden, dass sich die Juden zu einer Nation erklären, zumal auf Kosten eines anderen Volkes. Sie müssen sich "emanzipieren", überall dort, wo sie leben.

Wenn das so wäre, müssten die Völker des ehemaligen Jugoslawien ihre nationalen Organisationen wieder aufgeben. Osttimor, der Südsudan und die Slowakei ebenso. Auch die Palästinenser hätten keinen Anspruch darauf, als Nation anerkannt zu werden, denn sie sind Teil der Umma, der großen arabischen Gemeinschaft. Falls sie doch ein Volk sein sollten, dann wurden sie dazu nur unter dem Druck der israelischen Besatzung. Und was die "Emanzipation" der Juden angeht, so heißt es schon bei Marx: "Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum."

Israel ist ein Fremdkörper im Nahen Osten, ein künstliches Gebilde. Der jahrzehntelange Nahostkonflikt ist ein gefährlicher Brandherd, der zum Dritten Weltkrieg führen könnte. Es gilt, ihn zu entschärfen, ehe er außer Kontrolle gerät.

Fremdkörper im Nahen Osten sind auch die Kopten in Ägypten, die Baha'i im Iran und die Kurden in der Türkei, im Irak, Iran und in Syrien, die seit dem Vertrag von Sèvres im Jahre 1920 auf die ihnen versprochene Autonomie warten. Außer Island, Japan, den Malediven und den Königreichen Tuvalu und Tonga gibt es keinen Staat auf der Welt, der nicht ein künstliches Gebilde wäre. Ginge es nach diesem Kriterium, müsste man über das Existenzrecht der Bundesrepublik als Erstes verhandeln. Man sollte dabei auch nicht vergessen, welch fatale Rolle die deutsche Außenpolitik unter Genscher bei der Zerschlagung des "künstlichen Gebildes" Jugoslawien in andere "künstliche Gebilde" gespielt hat. Vor dem Hintergrund der Geschichte der letzten 60 Jahre und gemessen an der Zahl der Opfer ist der Kampf um Palästina einer der kleinsten und unwichtigsten Konflikte der Gegenwart. Es ist aber auch der einzige Konflikt, bei dem der Flüchtlingsstatus vererbt wird, was dazu geführt hat, dass aus den etwa 800 000 Palästinensern, die nach der Gründung Israels fliehen mussten, inzwischen etwa 4,8 Millionen geworden sind, die auf ihr "Rückkehrrecht" nicht verzichten wollen. Die "United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East (UNRWA)", 1949 gegründet, ist mit über 29 000 Mitarbeitern und einem Budget von etwa 1,2 Milliarden Dollar allein im Jahre 2011 der größte Arbeitgeber im Nahen Osten.

Man kann nur schätzen, wie viele Milliarden die UNRWA seit ihrer Gründung eingenommen und ausgegeben hat, um die Lage der palästinensischen Flüchtlinge buchstäblich zu zementieren. In jedem Fall ist der Selbsterhaltungstrieb der Organisation das größte Hindernis bei der Rehabilitation der Objekte ihrer Fürsorge.

Alle Argumente der Antizionisten laufen auf einen Punkt hinaus: Israel stellt eine Gefahr für den Weltfrieden dar. Ohne einen befriedeten Nahen Osten kein Frieden in der Welt. Sogar für die Juden wäre es besser, wenn der Zionismus sein eigenes Ende erklären würde, denn er fördert und befördert nur den Antisemitismus. Womit ein Klassiker reaktiviert wird: Am Antisemitismus sind nicht die Antisemiten, sondern die Juden schuld, die durch ihr Dasein und ihr Sosein ganz unvoreingenommene Menschen dazu bringen, antisemitische Gefühle zu entwickeln.

Was aber ist es, das einen Kommunalpolitiker aus Duisburg, einen Rentner aus Dortmund und eine Hausfrau aus dem hinteren Kandertal dazu bringt, einen wesentlichen Teil ihres Lebens mit der Palästina-Frage zu verbringen? Kampagnen, Unterschriftenaktionen und Sammlungen zu organisieren, gegen die Zionisten zu agitieren, die Israel-Lobby zu entlarven, sich für die Anerkennung der Hamas und der Hisbollah einzusetzen und Konferenzen zu veranstalten, die mit Appellen an die deutsche Bundeskanzlerin und den amerikanischen Präsidenten enden, den Palästinensern zu ihrem Recht zu verhelfen? Was ist es, das sie antreibt? Ein besonders hoch entwickelter Sinn für Gerechtigkeit und Menschenrechte? Dann würden sie sich für die Tibeter einsetzen, deren Land 1950 von den Chinesen überrannt wurde. Aber Tibet ist für sie kein Thema. Auch nicht der Aufstand in Syrien, der innerhalb weniger Monate über 5000 Menschen das Leben gekostet hat. Denn weder in Tibet noch in Syrien ist irgendeine "zionistische" Verwicklung erkennbar. Und auch die deutsche Enthaltung in der Libyen-Frage lässt sich mit den Prinzipien einer an den Menschenrechten orientierten Politik nicht vereinbaren.

So muss man vermuten, dass den Antizionisten auch die Palästinenser egal sind, dass sie nur als Alibi und Ausrede benutzt werden, um Israel auf der Anklagebank halten zu können. Als bei den internen Auseinandersetzungen zwischen der Hamas und der Fatah erst Fatah-Leute von den Hamas-Leuten und dann Hamas-Leute von den Fatah-Leuten massakriert wurden, hüllten sich die deutschen Palästinafreunde in vernehmbares Schweigen. Zu Brutalitäten Stellung zu beziehen, die von der einen Palästinenserfraktion an der anderen begangen werden, ist ihre Aufgabe nicht. Die Antizionisten vom Dienst wachen erst auf, wenn Israel ins Spiel kommt. Dann chartern sie Schiffe, laden sie mit alten Sachen voll und segeln nach Gaza, um die Welt auf die Not der Palästinenser aufmerksam zu machen.

Es gibt zum Antizionismus nur eine Parallele: den Antiamerikanismus. Der ist sogar noch älter, er entstand schon Anfang des 19. Jahrhunderts zur Zeit der deutschen Romantik. Der Begründer des intellektuellen Antiamerikanismus, der österreichische Dichter Nikolaus Lenau, wanderte 1832 in die USA aus, um dort, wie viele Europäer, ein neues Leben anzufangen. Nachdem er als Geschäftsmann und Farmer gescheitert war, kehrte er nach nur einem Jahr nach Europa zurück, um fortan den Materialismus der Amerikaner anzuprangern und den Mangel an Kultur in den "Verschweinten Staaten" zu beklagen. Seine anfängliche Amerika-Begeisterung war in blanken Hass umgeschlagen. "Das scheint mir von ernster, tiefer Bedeutung zu sein, dass Amerika keine Nachtigall hat", schrieb er aus den USA in die alte Heimat.

Seitdem wartet das deutsche Feuilleton darauf, dass die USA kollabieren. Die Lieblingsthemen der deutschen USA-Korrespondenten sind Armut, Gewalt, Korruption - und "der tägliche Faschismus" in den USA. So hieß auch ein Buch, das Reinhard Lettau, Deutscher mit amerikanischem Pass und Mitglied der "Gruppe 47", im Jahre 1971 veröffentlichte. Die "Evidenz aus sechs Monaten" war das Ergebnis intensiver Zeitungslektüre, eine Nachrichten-Collage über Amtsmissbrauch und Behördenwillkür, der Lettau den Titel "Täglicher Faschismus" gab, um darauf hinzuweisen, "dass die Indizien für den herannahenden Faschismus sich täglich und immer schneller verstärken - dass für seine Opfer die Unterschiede zwischen dem täglichen, inzipienten amerikanischen Faschismus und dem offenen, erklärten Faschismus nicht existieren".

Nur vier Jahre zuvor, 1967, war Hans Magnus Enzensberger zu einem Studienaufenthalt an einer amerikanischen Universität aufgebrochen, den er aber bald für beendet erklärte, um stattdessen nach Kuba zu fahren. Er begründete diesen Schritt in einem "offenen Brief", der in der "Zeit" zu lesen war: "Ich halte die Klasse, welche in den Vereinigten Staaten von Amerika an der Herrschaft ist, und die Regierung, welche die Geschäfte dieser Klasse führt, für gemeingefährlich ... Ihr Ziel ist die politische, ökonomische und militärische Weltherrschaft."

Enzensberger hat seine Ansichten über die USA mittlerweile gründlich geändert, das deutsche Feuilleton aber pflegt die Tradition des Antiamerikanismus weiter. Allerdings wird die Aufgabe inzwischen gerne an "kritische Amerikaner" wie Noam Chomsky oder Michael Moore outgesourct, die ihre Glaubwürdigkeit und Kompetenz nicht erst beweisen müssen.

Antiamerikanismus und Antizionismus gehören zusammen wie Pech und Schwefel. Man wird keinen Antiamerikaner finden, der nicht zugleich ein Antizionist wäre, umgekehrt ist es genauso. Konsequenterweise gilt Israel als der "Brückenkopf der USA" im Nahen Osten, während in den USA die Zionisten das Sagen haben. Der "große" und der "kleine" Satan arbeiten zusammen, um die Völker der Welt zu unterjochen.

Der Antizionismus geriert sich als politische Philosophie, ist aber in Wirklichkeit eine Flucht aus der Mausefalle der Geschichte. Wenn die Palästinenser die Juden von heute sind und wenn die "Islamophobie" den Antisemitismus ersetzt hat, dann muss man sich mit den Palästinensern solidarisieren und die "Islamophobie" bekämpfen, wenn man besser als die eigenen Eltern und Großeltern sein will.

Das ist aber noch nicht alles, was in der Wundertüte des Antizionismus steckt. Stellen wir uns kurz das Undenkbare vor: Ahmadinedschad beschließt eines Tages, die friedliche Nutzung der Kernkraft zugunsten einer militärischen Option aufzugeben und die erste "selbst gebaute" Atombombe über Israel auszuprobieren. Die Antizionisten wären darüber nicht begeistert, denn der atomare Fallout würde auch über Jericho und Ramallah niedergehen - aber auch nicht allzu traurig. Wie schon zur Zeit des Golfkrieges von 1991, als irakische Scud-Raketen in Tel Aviv einschlugen, könnten sie auch diesmal Israel die Schuld geben, weil es mit seiner Politik gegenüber den Palästinensern diese Katastrophe heraufbeschworen habe. Damals erklärte der Sprecher der Grünen, Hans-Christian Ströbele: "Die irakischen Raketenangriffe auf Israel sind die logische, fast zwingende Konsequenz der Politik Israels."

Das offizielle Europa würde sich, wie Deutschland im Jom-Kippur-Krieg 1973, für neutral erklären, allerdings auch versichern, eine "Neutralität der Herzen" könne es nicht geben, und den Überlebenden "humanitäre Hilfe" in Form von Zelten und Trinkwasseraufbereitungsanlagen anbieten. Lea Rosh und ihre Freunde würden sofort eine Bürgerinitiative für ein "Mahnmal zur Erinnerung an den jüdischen Staat im Nahen Osten" gründen, das auf dem Gelände der nunmehr nicht mehr benötigten israelischen Botschaft in Berlin entstehen sollte. Das Beste aber wäre: Im Dunst der atomaren Endlösung der Nahostfrage würde der von den Nazis organisierte Holocaust mitsamt den Schuldgefühlen den Juden gegenüber im Abgrund der Geschichte verschwinden. Über eine Katastrophe kommt man nur hinweg, indem man eine noch größere Katastrophe inszeniert.

Das ist die Substanz der antizionistischen Anstrengungen, ob sie den Protagonisten bewusst ist oder nicht: Sie nehmen die Vernichtung Israels als Preis für ihren inneren Frieden in Kauf. So denkt es in ihnen."