Offiziell beworben wurde er als „Friedensdemonstration“ – in Wirklichkeit handelte es sich um den größten antisemitischen Aufmarsch Deutschlands: Auch in diesem Jahr wurde auf dem so genannten „Al-Quds-Tag“ offen zur Vernichtung Israels aufgerufen. Mit dabei waren nicht nur Islamist*innen, sondern auch deutschnationale Aktivist*innen wie die Rapperin Dee-Ex.
" Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt /
Und läßt andere kämpfen für seine Sache /
Der muß sich vorsehen; denn /
Wer den Kampf nicht geteilt hat /
Der wird teilen die Niederlage. /
Nicht einmal den Kampf vermeidet /
Wer den Kampf vermeiden will; denn /
Es wird kämpfen für die Sache des Feinds /
Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat."
"Man muß so radikal sein wie die Wirklichkeit."
Bertolt Brecht
Und läßt andere kämpfen für seine Sache /
Der muß sich vorsehen; denn /
Wer den Kampf nicht geteilt hat /
Der wird teilen die Niederlage. /
Nicht einmal den Kampf vermeidet /
Wer den Kampf vermeiden will; denn /
Es wird kämpfen für die Sache des Feinds /
Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat."
"Man muß so radikal sein wie die Wirklichkeit."
Bertolt Brecht
Freitag, 24. August 2012
Geballte Menschenfeindlichkeit: Beim "Al-Quds-Tag" demonstrieren Nazis, Linke und Islamist*innen gemeinsam
Na, Herr Dr. Richter, liebe Jusos, AK Frieden? Kommt Ihnen/Euch diese Titelzeile nicht irgendwie bekannt vor?
"Geballte Menschenfeindlichkeit: Beim "Al-Quds-Tag" demonstrieren Nazis, Linke und Islamist*innen gemeinsam"
Wenn Familien Kaffee kochen: Vernichtendes zur Partei Die Linke
Über die PDS hat schon Steve McQueen in den »Glorreichen Sieben« das Nötige mitgeteilt: Es habe da einen Mann gegeben, der durch die Wüste ritt und sich plötzlich nackt auszog, um auf einen Kaktus zu springen. Befragt, warum er das getan habe, antwortete er, er habe das damals für eine prima Idee gehalten. Vermutlich hat Gregor Gysi es tatsächlich für eine gute Idee gehalten, seinen Verein mit der WASG fusionieren zu lassen. Im Westen würde man, das war abzusehen, kurz- bis mittelfristig nicht Fuß fassen können. Den Status einer Regionalpartei galt es zu brechen, und das schien mit den vom Westen kommenden Fragmenten der Sozialbewegung möglich. Also vollzog man 17 Jahre nach der feindlichen Übernahme der DDR durch die BRD denselben Vorgang noch einmal im kleinen. Heute sieht die PDS, aufgegangen in der Partei DIE LINKE (PDL) und darin von schwächeren, aber durch Anzahl überlegenen Westverbänden unterworfen, in ein schwarzes Loch, das sie ihre Zukunft nennt. Die Umfragen im Westen sind auf den alten Stand zurückgegangen, doch dafür hat man nun die Pest an Bord: friedensbewegte Altlinke, Gewerkschaftler und Trotzkisten. Der Parteitag von Göttingen1 wäre eine gute Gelegenheit gewesen, sich zu trennen. Allein, wozu?
Die PDS erleidet heute das Schicksal, das sie sich redlich verdient hat, denn wer nach der Sozialdemokratie greift, wird durch die Sozialdemokratie umkommen. Es hat immer was Komisches, wenn die Cholera sich über die Pest beklagt. Doch auch von den Krankheiten gilt, daß Gleiches sich nicht notwendig lieben muß. Es gibt Kämpfe, die aus unterschiedlichen Zielen entstehen, und solche, die hervorgerufen werden, weil der eine einfach dort siegen will, wo der andere zu siegen sich anschickt.
Bemerkenswert ist, daß das keinem auffällt. Ausnahmslos alle – Zeitungen, TV-Magazine, andere Parteien des Bundestags und selbst sämtliche Strömungen innerhalb der PDL – folgen dieser einen Deutung: Der Kampf zwischen den Lagern sei eine Auseinandersetzung zwischen Dogmatikern und Opportunisten, Linksradikalen und Reformern oder, um es in das unsägliche Politvokabular der Neuen Linken zu übersetzen: Fundis und Realos. Der unerzogene Geist liebt Analogien. Die ersparen ihm, über neue Erscheinungen nachzudenken. Die Lust, das Altbekannte am Unbekannten wiederzuentdecken, kommt aber nicht allein aus geistiger Trägheit. Die Sprachregelung existiert, weil alle Seiten etwas von ihr haben: Die verfeindeten Strömungen in der Partei sind naturgemäß daran interessiert, sich voneinander zu unterscheiden, und was außerhalb der PDL und mit übergroßer Mehrheit rechts von ihr steht, ist ebenso sehr daran interessiert, ihr das Vorhandensein einer kommunistischen Fundamentalopposition anzudichten. Deswegen ist es keine Laune des Zeitungsbetriebs, sondern ganz folgerichtig, daß nicht nur die ZEIT die Anhänger Lafontaines als »Leninisten« bezeichnet2, sondern auch Zeitungen wie das Neue Deutschland oder die junge Welt, die der einen oder anderen Strömung innerhalb der PDL nahestehen, entsprechende Zuweisungen vornehmen. Eine solches Gefolgschaftsverhältnis zu behaupten ist indes beleidigend; allerdings nicht für Lafontaine und seine Horde, sondern für Lenin.
Es gab sicher Zeiten, da ging noch irgendwie zu reden von jenem Kampf, den Rosa Luxemburg unter dem Titel Sozialreform oder Revolution?gefaßt hat. Auch als die PDL noch PDS hieß, war sie schon eine sozialdemokratische Partei, aber es bestand in ihr tatsächlich ein Schisma zwischen der alle wichtigen Schaltstellen besetzenden Parteirechten und einer unterlegenen Opposition von links. Wer damals links von Gysi, Bartsch und Pau stand, wer dafür kämpfte, daß die Partei ihren Kurs wendete hin zum Ziel einer auf Vergesellschaftung beruhenden Sozialstruktur, mochte, wenn er glaubte, dies Ziel erreichen zu können, naiv sein, war doch aber immerhin von etwas bewegt, das man Sozialismus nennen konnte. Was die Sache freilich kein Gramm weniger einfältig macht. Bewegungen des Opportunismus sind unumkehrbar. Die Geschichte kennt nicht ein Beispiel, in der die Rechtsentwicklung einer Partei aufgehalten oder gar umgekehrt worden wäre. Die PDS dazu zu bringen, Lösungen jenseits des Kapitalismus zu suchen, war illusorisch geworden noch lange bevor sie aus dem Schoß der SED gekrochen kam. Jeder, der in der Frage bei Verstand war, mußte das sehen und austreten. Wer blieb, sah das nicht oder wollte es nicht sehen.
Mit der Verwandlung der PDS in die PDL ist aus dem Schisma eine Chimäre geworden. Die Konfiguration der Macht teilt sich heute nicht mehr, wie früher, in zwei, sondern die Partei besteht im wesentlichen aus drei Strömungen: eine Ost-SPD, eine West-SPD und eine Rest-Linke der PDS. Die PDL hat unter ihren gegenwärtig wurschtelnden Netzwerken dreie, die größeren Einfluß haben und vornehmlich das Geschäft dieser drei Strömungen besorgen: das Forum Demokratischer Sozialismus (FDS), die Sozialistische Linke (SL) und die Antikapitalistische Linke (AKL).3
Allgemein wahrgenommen wird, wie ich oben schrieb, allein der Konflikt zwischen dem FDS-Flügel und dem SL-Flügel. Bleiben wir also zunächst bei dem und klammern die AKL als geringstes Gewicht in diesem Dreikampf aus. Bereits die Betrachtung nur dieser zwei Strömungen reicht zu erkennen hin, wie unzutreffend die Zuschreibung Fundis vrs. Realos ist.
Das FDS, entwachsen der vormaligen Mehrheitsströmung der PDS, ist die Sozialdemokratie des Ostens. Die SL, hervorgegangen aus den personellen Bindungen der WASG, ist ein Fragment der zertrümmerten Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung des Westens. Diese beiden Strömungen haben miteinander keine grundsätzlichen Differenzen. Keine. Sie streiten manchmal, ob man diese Bank privatisieren dürfe oder jene Sozialreform auf Landesebene durchsetzen sollte, sie streiten über Delegiertenschlüssel und Listenplätze, über Verteilung von Geldern, Bedingungen von Regierungsbeteilungen und über bestimmte Formulierungen, die ohnehin alle dasselbe bedeuten. In ihrer grundlegenden Ausrichtung wollen sie nichts anderes: einen staatlich etwas kontrollierten, sozialen Kapitalismus. Sie wollen, was Bismarck wollte, abzüglich Sinn und Verstand. Denn Bismarck, der zu seiner Zeit ging, geht heute nicht mehr, und darum sind sie ausnahmslos Keynesianer. Das ist einigermaßen beachtlich, denn wenn das 20. Jahrhundert eines bewiesen hat, dann daß von den zwei wirtschaftspolitischen Hauptstrategien des Imperialismus – Keynesianismus und Neoliberalismus – ziemlich genau zwei nicht funktioniert und die Misere stets nur vergrößert haben. Dennoch glaubt das FDS ebenso an die Zivilisierbarkeit des Kapitalismus wie die SL, und was dem einen sein »demokratischer Sozialismus«, ist dem anderen sein »Sozialstaat«. Noch auf dem Erfurter Parteitag – dem zweiten, denn auch hier folgte die Farce (2011) auf die Tragödie (1891) – erklärte Lafontaine unter strömungsübergreifendem Beifall, daß der »Staatssozialismus«, also der Sozialismus, nichts tauge und die Antworten besser bei Keynes zu suchen sind, und er hätte das gewiß in Göttingen wiederholt, wäre dort nicht das einzige Thema der PDL die PDL gewesen.
Die Hauptfrage der Politik stellt sich immer im Bereich der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Die Außenpolitik ist akzidentiell, denn die Bewegungsform einer Gesellschaft ist abhängig von ihrer strukturellen Verfassung und nicht von ihren Außenverhältnissen. Welche Kriege ein Staat führt, welche Verträge er schließt, mit wem er zusammengeht, das ist oft ganz willkürlich und noch im günstigsten bloß Folge seiner gesellschaftlichen Struktur. Und was nun diese Strukturfrage betrifft, so sind sowohl SL als auch FDS Strömungen einer sozialistisch sein sollenden Partei, die beide im mindestens nichts Sozialistisches im Sinn haben. Wenn aber die Westverbände in dieser Hauptfrage nicht links von den Ostverbänden stehen, wenn die SL nicht das linke Gegengewicht zum FDS ist, woher dann der Streit? Warum, da sie sich nichts nehmen, schenken sie sich dann nichts? Klar, daß sie Konkurrenten (also Gleiche) sind, aber was hindert zwei Gleichartige, nach einer Fusion in eins aufzugehen?
Der Kampf hat seinen Grund zunächst tatsächlich in regionalen Ressentiments und einem mit diesem Gefühl verbundenen Korpsgeist. Die SL übertrifft – auch wenn das kaum möglich scheint – das FDS noch in ihrem Haß auf den historischen Sozialismus der DDR, dem sie abspricht, überhaupt einer gewesen zu sein, und sieht in den sich an der Regierung beteiligenden Ostverbänden den Geist der DDR-Nomenklatura lebendig. Eine merkwürdige Einschätzung, eingedenk etwa der Anbiederei eines Dietmar Bartsch, dem nicht einmal zu peinlich war, sich ein Portrait von Herbert Wehner ins Büro zu hängen, doch auch eine frei phantasierte Vorstellung gibt zuverlässige Auskunft über den Geisteszustand desjenigen, der sie hat. Eine Bedingung der WASG für die Fusion mit der PDS war, daß der Begriff Sozialismus aus dem Namen der Partei verschwinden müsse, womit die Sozialdemokraten in der PDS ihrerseits nicht das geringste Problem hatten. Die Differenzen bezüglich der Strategie erwachsen allein aus der Lage der Verbände, die von beiden Strömungen vertreten werden. Die Westverbände sind genauso koalitionsbereit und nähmen nicht den geringsten Abstand, die von ihnen gegeißelte Sozialpolitik in ihren Ländern mit umzusetzen, wenn sie denn je in die Lage kämen, überhaupt gefragt zu sein. Es ist allein ihr geringerer Erfolg bei den Wahlen, der sie in die Lage setzt, etwas mehr von Grundsätzen als von Sachzwängen reden zu können.
Indem der Konflikt regional ist, ist er also eher soziologisch als politisch, will sagen, er ist nicht logisch, sondern typologisch und damit natürlich auch psychologisch. Es fällt schon auf, daß man beide Strömungen anhand des Betragens ihrer Mitglieder auseinanderhalten halten. Das liegt aber nicht am FDS, in dem dieselbe Zusammensetzung aus Irren, Langweilern und Könnern herrscht wie anderswo auch; es ist die SL, die aus dem Rahmen fällt. Vom Standpunkt des Behaviorismus ist kaum ein parteipolitischer Zusammenhang denkbar, in dem die Gewerkschaftler nicht das Übel vom Übel ausmachen. Ihre Reihen bringen jenen Typus zum Vorschein, der aus seinem Mittelmaß eine Tugend macht, der seinen Mangel an Kultiviertheit und Intelligenz durch polternd grobschlächtiges Betragen kompensiert und dessen politische Urteile aus den Untiefen einer von Ressentiments und Halbwissen kontaminierten Seele ans Tageslicht gefördert werden, dabei unfähig, das (parteiinterne wie auch gesellschaftliche) Ganze zu sehen, abhängig von seiner Klientel, ganz deren Subjektivität teilend, und folglich in der politischen Tagesarbeit intrigant, netzwerkend und nichts drüber. Eingedenk also der Ununterscheidbarkeit in der politischen Substanz läßt sich das Verhältnis der beiden Strömungen in eine Formel bringen, deren durchgreifende Gültigkeit beinahe schon unheimlich ist: SL, das ist FDS + schlechtes Benehmen. Den Lifestyle betreffend, verhalten sich FDS und SL zueinander in der Tat wie Seeheimer Kreis und (sofern noch vorhanden) Gewerkschaftsbasis der SPD. Es mag auch dieser Unterschied des Augenscheins sein – der Unterschied z.B. zwischen dem kühlen Langweiler Dietmar Bartsch, der nach seiner Niederlage in Göttingen die Gelassenheit hatte, fair zu gratulieren, und dem röhrenden Langweiler Klaus Ernst, der keine Talkshow ohne rekrutierten Anhang besucht, der im Studio bei jeder Äußerung seines primus inter pares Beifall erpreßt –, es mag also auch dieser Unterschied des Augenscheins sein, der dazu beigetragen hat, hinter den Animositäten beider PDL-Strömungen etwas wie inhaltliche Gründe zu vermuten.
Man kann indes nicht leugnen, daß es dann doch einen Punkt gibt, an dem sich die Lager inhaltlich scheiden. Kein Hauptpunkt, aber immerhin ein Punkt. Ich spreche natürlich von der außenpolitischen Konzeption. Das FDS steht dem sogenannten emanzipatorischen Ansatz näher, der an alle Staaten der Erde denselben Maßstab der Gesittung anlegt und für den demzufolge gesellschaftliche Entwicklung – von der Befreiung der Produzenten über die Emanzipation der Frau bis hin zur sexuellen und sonstigen Freizügigkeit – universell ist. Was immer sonst für diesen Ansatz spricht, natürlich ist er für das FDS vor allem Ausdruck des Bedürfnisses, in der Bundesrepublik anzukommen. Die SL hingegen gehört geschlossen dem Lager des Antiimperialismus an, demzufolge die Frage, wie ein Staat strukturell beschaffen sei, ganz nebensächlich und für dessen Beurteilung vielmehr seine außenpolitische Bündnissituation maßgeblich ist (genauer: die Frage, ob er dem Hauptfeind USA/Israel a pain in the ass sei). Das FDS ist nicht durchweg proamerikanisch oder prozionistisch, die SL indes durchweg antiamerikanisch und antizionistisch.
Doch auch diese Differenz holt ihren Saft aus Wurzeln, die tiefer liegen. Der Unterschied in den außenpolitischen Positionen ist, es läßt sich nicht leugnen, politischer Natur, aber er folgt nicht aus politischen Überlegungen, sondern ist Resultat der erwähnten soziologischen und damit psychologischen Eigenheiten beider Strömungen: In der SL sind die Anteile der Altlinken und damit die der zu Volkstum und Volkstümlichkeit neigenden Populisten deutlich höher, und das ist bereits das ganze Geheimnis. Während nämlich nicht nur gilt, daß der Antizionismus der sowjetischen Welthälfte deutlich routinierter und eben vor allem Resultat pragmatischer Außenpolitik war, wohingegen der Antizionismus des Westens Resultat eines hochschwierigen psychologischen Komplexes ist, der sehr wenig mit Urteilen zur Weltlage und sehr viel mit den deutschen und volkstümlichen Befindlichkeiten zu tun hat, haben zudem 17 Jahre PDS besorgt, daß mit den Altmitgliedern der SED viele der antizionistischen und antiamerikanischen Elemente aus der Partei verschwunden sind. Die SL hingegen sammelt in ihren Reihen all jene Elemente, die als Formen der westlinken Graswurzelbewegung bereits das letzte Jahrhundert unsicher gemacht haben: die Rentner von der Neuen Linken, Umweltfreunde, Friedensbewegte, Gewerkschaftler, Bürgerrechtler, Sozialarbeiter, Attacler und Okkupisten. Und für alle Graswurzelbewegungen gilt, daß es schwer ist festzustellen, ob sie nun eigentlich links- oder rechtspopulistisch sind. Das Volkstümliche ist jener unklare Ort, an dem das Völkische mit dem Emanzipatorischen verwechselt werden kann. So trifft man denn auch die bekannten Kennzeichen der völkisch-volkstümlichen Ideologie in den Westverbänden wieder: Kritik des Finanzsystem anstelle fundamentaler Kapitalkritik, Querfrontmentalität (bestehend in der Bereitschaft, sich mit Islamisten zu solidarisieren)4, Hetze gegen Fremdarbeiter5 und natürlich, wie könnte er fehlen, der ewige Antizionismus. Dieser Fisch stinkt nicht vom Kopf her. Wer auf der Komunalebene oder unter seinen Domestiken einen Anhang wie Arn Strohmeyer, Hermann Dierkes, Stefan Ziefle & Chris Sedlmair duldet, der wird mit Repräsentanten wie Inge Höger, Annette Groth, Andrej Hunko & Christine Buchholz auf der Bundesebene bestraft. Es gab eine Zeit in der PDS, da blickte man mit Mißtrauen auf eine Christine Ostrowski, deren merkwürdiger Zusammenfall von Links- und Rechtspopulismus damals innerhalb der Partei noch auffiel wie ein sozialer Gedanke in der SPD. Heute sind es nicht eine Handvoll Gestalten, es ist ein gesamter und zahlenstarker Flügel, der den Irrsinn zum Herzstück seines Parteiverständnisses gemacht hat.
Eine gesonderte Betrachtung verdient das trotzkistische Netzwerk Marx21, das sich der SL angeschlossen hat und auch sonst aufs schönste in die Landschaft der Westverbände paßt. Geerbt von diesen hat es fast alles: den Antikommunismus, die Graswurzelideologien, das schlechte Benehmen. In der Theorie unterscheidet Marx21 sich allerdings insoweit, als seine Vertreter Luxemburgs Frage Sozialreform oder Revolution?deutlich zugunsten letzterer beantworten. Nur ist der Trotzkismus von jeher geübt darin, flexibel mit seinen Grundsätzen umzugehen, solange ansteht, ein als übermächtig wahrgenommenes Anderes – mag es Kapitalismus, Stalinismus oder Gregor Gysi heißen – zu verneinen, und schon ein Blick auf das Tagestreiben der Marx21-Vertreter zeigt, wie wendig sie sind. Marx21 ist im Grunde nichts anderes als die Jugendabteilung der SL, und eine solche Abteilung – man kennt das von Jusos – funktioniert nur, weil sie sich als etwas Eigenes und Unabhängiges versteht.6
Soweit gekommen, ist es möglich, die AKL mit aufs Tableau zu lassen, deren Rolle in der Partei man erst versteht, wenn man das Verhältnis der beiden anderen Strömungen zueinander verstanden hat. Die AKL ist diejenige Strömung, die innerhalb der Partei am ehesten eine grundsätzliche Differenz eröffnet und wenigstens im Ansatz für etwas steht, das man sozialistisch nennen könnte. Allerdings ist sie theoretisch zurückhaltend bis unklar und bündnispolitisch ohne Konzept. Sie will erklärtermaßen mehr als nur eine Partei der sozialen Reformen, weiß aber keine handfesten Angaben zu machen, wie die große Alternative dann beschaffen sein soll. Sie bestimmt sich folglich in ihrer Namenswahl bloß als antikapitalistisch und nicht als sozialistisch, und damit liegt ein trüber Schleier von Wahrheit auf ihrem mißgebildeten Skelett. – Sie verstehen? Der Schleier ist das Wahre an ihr. Mehr noch aber als aus dieser theoretischen Unklarheit folgt ihre bündnispolitische Kopflosigkeit aus ihrer Schwäche. Mit dem alten Feind, dem FDS, will sie nicht zusammengehen, und dem neuen Feind des alten Feindes, der SL, will sie sich nicht einfach anschließen. Die AKL spürt ihre Einflußlosigkeit, sie weiß, daß sie ein Restbestand der PDS ist, daß ihr droht, zwischen SL und FDS zerrieben zu werden und daß aber ein Anschluß an die SL das Ende der eigenen politischen Ziele, das Aufgeben der Systemfrage zugunsten sozialreformatorischer Ansätze bedeutete.
Die AKL ist in der PDL eigentlich überflüssig, so überflüssig wie das eigentlich in diesem Satz. Die Differenz von FDS und SL hat wenigstens im Regionalen und Soziologischen eine Art Berechtigung; die AKL ist dagegen wie ein Feigenblatt, das eine Scham nicht verdeckt, die im übrigen auch nicht verdeckt werden soll, sondern die mit Stolz zur Schau getragen wird. Niemand in der PDL will den Sozialismus, niemand dort braucht Anhänger des Sozialismus, nicht einmal solche, die keine sind. Niemand, und zu allerletzt die beiden Strömungen, die ihn im Namen tragen: SL und FDS. Wozu also, wenn keine Anklage vorliegt, ein Alibi? Die AKL, das ist einfach die alte PDS-Linke, die sich aus unerfindlichen Gründen der Auflösung verweigert. Ihrer Art, irgendwie den Sozialismus zu wollen, entspricht auch das Lavieren ihrer Frontfrau Sahra Wagenknecht, von der sich immerhin erfreulich berichten läßt, daß ihr Lavieren schon seit längerer Zeit bemerklich aufhört, ein Lavieren zu sein, sondern sich immer deutlicher das Bild einer Frau zeigt, die zwar die Frisur von Rosa Luxemburg, doch das Hirn von Eduard Bernstein spazieren führt, die sich also ganz hinten in die Reihe derer einordnen darf, gegen die ebendiese Rosa Luxemburg ihre nun hoffentlich zum letzten Mal erwähnte Kampfschrift Sozialreform oder Revolution? geschrieben hat. So spricht Wagenknecht dann auch statt vom Kapitalismus von »Zockerbuden«7, lehnt die zentrale Planung ab und entdeckte zuletzt gar, daß die Wurzeln des Sozialismus auch ein bißchen bei Hayek und Erhardt liegen.8 Man möchte mit dem Kopf gegen 42 MEW-Bände schlagen, bis es aufhört wehzutun.
Es kann nur zusammengefaßt werden, was zuvor ausgebreitet wurde. Nachdem ich breit war, darf ich jetzt also kurz sein, ohne die Gefahr, unverstanden zu bleiben. Der Fehler, der bei der Wahrnehmung der PDL begangen wird, ist die Übertragung der alten Konfiguration auf die neue Lage: der Kampf zwischen Prinzipienreitern und Opportunisten, der kennzeichnend für die PDS war, ist nicht nur einfach durch eine geographische Dimension gen Westen erweitert worden, sondern er wurde durch das Hinzukommen des personellen Bestands der WASG marginalisiert. Die tatsächliche Struktur der PDL stellt sich so dar, daß zwei regional bedingt verschiedene Formen der Sozialdemokratie miteinander um die Vorherrschaft in der Partei konkurrieren und die Restlinke der PDS in diesem Kampf, den selbst sie falsch interpretiert, aufgerieben und schließlich elidiert wird. Der vormals rechte Flügel der PDS, der sogenannte Geist der sogenannten Ostverbände, der heute vor allem durch das FDS vertreten wird, repräsentiert die Mitte der PDL, denn die SL, die in wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen keinen Zentimeter links vom FDS steht, siedelt in Fragen der internationalen Politik sowie in ihrem populistischen Vokabular sogar deutlich weiter rechts. Soweit diese uneindeutige Lage Verallgemeinerung zuläßt, ließe sich die SL als heimlicher rechter Flügel der Partei beschreiben, mit dem die eigentliche Linke, die AKL, aus Gründen der eigenen Ohnmacht über weite Strecken als Fronde, Querfront, Negativkoalition (oder wie sonst man es immer nennen will) gegen die Mitte der Partei zusammengeht. Die Liaison Sahra Wagenknechts mit Oskar Lafontaine wäre dann der ikonographische Ausdruck dieser Fronde. Daß die Mitte der PDL keine der Erhabenheit ist, sondern eher eine platte Mitte, eine des Kompromisses und Anspruchslosigkeit, ist nicht die Schuld einer der Strömungen, sondern liegt im Wesen der gesamten Partei begründet.
Die PDL ist eine sozialdemokratische Partei. Daher ist sie tot. Es gibt kein Quo vadis, Sozialdemokratie?, weil die Sozialdemokratie schon immer dort gewesen ist, wo sie hingelangen wird. Der Rest sind letzte Zuckungen, und das seit ihrer Geburt. Man fragt sich, das Treiben der PDL und ihrer Strömungen erblickend, was der ganze Quatsch eigentlich soll. Und dann fällt einem ein, was einem immer einfällt, wenn einem nichts mehr einfällt: Wenigstens sind die Kinder so von der Straße weg.
- Einen famosen Crashkurs zur Einführung in dieses wenigstens unterhaltsame Ereignis vermittelt Gysis Hauptreferat, das – schön für alle Zoobesucher – in dankenswerter Offenheit (wenn schon nicht Klarheit) die inneren Konflikte der Partei zur Sprache brachte. [↩]
- vgl. Miriam Lau: Da hilft kein Gysi, in: DIE ZEIT v. 6. Juni 2012. [↩]
- Wer sich langweilen will, kann Grundsatzpapiere dieser Netzwerke lesen: hier, hier und hier. – Es müßte eigentlich genauer unterschieden werden zwischen Strömung und Netzwerk. Ein Netzwerk ist ein konkreter Verbund, der organisiert handelt; eine Strömung eine allgemeine Richtung, die allein schon dadurch gegeben ist, daß innerhalb einer Partei eine größere Zahl von Mitgliedern vorhanden ist, die ähnliches trachten und denken. Netzwerke sind der harte Kern von Strömungen; sie dienen teils deren Handlungsfähigkeit, teils deren Selbstverständigung. Zu berücksichtigen ist also, daß die konkrete Struktur der Netzwerke feiner gegliedert ist, bestimmte Netzwerke bestimmten anderen näher oder gar assoziiert sind, vielleicht auch im Verhältnis der Folgsamkeit stehen; mithin: daß eine große Zahl von Parteimitgliedern aus taktischen Gründen nicht denjenigen Netzwerken beitritt, zu deren Strömung sie gehören. So besteht das FDS natürlich restlos aus Gysianern und Bartschisten, obwohl offiziell weder Gregor Gysi noch Dietmar Bartsch diesem Netzwerk angehören; dasselbe gilt von Lafontaine und der SL. Wie auch umgekehrt mitunter Personen in Netzwerke geraten, bei denen man sich fragt, warum sie dort und nicht woanders sitzen; Inge Höger etwa, die in der AKL und nicht in der SL sitzt. Institutionell wiederum steht z.B. die Kommunistische Plattform der AKL in inhaltlichen Fragen deutlich näher als den anderen Strömungen in der Partei, deutlich näher mithin, als sie selbst glaubt, und braucht nicht nur deswegen, sondern auch, weil sie auf der Bundesebene praktisch keine Rolle mehr spielt, nicht als eigene Strömung betrachtet zu werden. Ähnlich auch die Scientologen von Marx21, die zwar jede Menge Wind machen, sich aber – ich werde noch darauf zurückkommen – nicht nur aus taktischen Gründen der SL angeschlossen haben, sondern auch politisch ganz in diesen Zusammenhang gehören. [↩]
- Es darf erwähnt werden: z.B. ein Aufruf zur Unterstützung der Regierungen (dort zärtlich: der »Völker«) Irans und Syriens, der von mehreren MdB der PDL unterzeichnet wurde, Christine Buchholz’ Lob der Hisbollah, das gerade auch in Hinblick auf die Bildende Kunst (hier & da) bezeichnende Treiben von Arn Strohmeyers Bremer Bündnis gegen Was-weiß-ich etc. etc. Den Tiefpunkt markiert ein offenbar von Chris Sedlmair zusammengflicktes Video zur Apologie Mahmud Ahmadinedschads, dem man zwar nicht entnehmen kann, warum Judenmord und Leugnung der Schoah nicht anstößig sein sollen, das jedoch auf anschauliche Weise den Geist der Volkstümlichkeit vorführt und zeigt, worauf es dieser Art politischen Denkens allgemein ankommt: Kann ja sein, daß Ahmadinedschad Frauen unterdrücken, Schwule, Kommunisten und Bahai verfolgen und töten läßt sowie die Vernichtung Israels plant, aber seine Frau schmiert ihm noch selbst die Stullen, und wenn er in der Ecke des Zimmers zusammengekauert schläft, sieht er aus wie ein niedliches Kätzen. Das relativiert natürlich vieles. [↩]
- wie etwa Oskar Lafontaine (vgl. FAZ v. 17. Juni 2005). [↩]
- Ein Beispiel, das für vieles stehen mag, ist die Empfehlung von Christine Buchholz, der Einführung des islamischen Religionsunterricht in NRW zuzustimmen. Das Privileg der christlichen Kirche, staatliche Schulen für ihre Zwecke zu mißbrauchen, wird auf die Art natürlich nicht bekämpft, sondern verewigt. Es wird flankiert von einem zweiten Privileg, und Christentum und Islam werden damit zu einer Interessensgemeinschaft von Privilegierten gemacht, gegen die die säkulare Gesellschaft noch schwerer ankämpfen wird können als ohnehin schon gegen das Christentum allein. Buchholz’ eigentliches Ziel ist, die Religion aus dem Schulbetrieb zu entfernen, und sie wählt hierzu einen Weg, der nur zum Gegenteil dieses Ziels führen kann. Ich täte indes dieser Bagatelle keine Erwähnung, wäre sie nicht so ungeheuer exemplarisch. Wir haben in dieser kleinen Geschichte den ganzen Unsinn besagter Art, Politik zu treiben, zusammengefaßt. Und an Marx21 zeigt er sich deswegen so gut, weil hier, dank Deklarationssucht aller Beteiligten, der Widerspruch zwischen Theorie und Praxis deutlicher als sonstwo in den Westverbänden und überhaupt in der gesamten Partei zum Vorschein kommt. [↩]
- freundlicherweise festgehalten von der BILD-Zeitung. [↩]
- beides in »Freiheit statt Kapitalismus« (Berlin 2011), wo sich u.a. der schöne Satz findet: »Es gibt Marktwirtschaft ohne Kapitalismus und Sozialismus ohne Planwirtschaft.« – Solche natürlich nur zur Hälfte wahren Äußerungen sind vor allem deswegen bemerkenswert, weil es ältere Schriften von Sahra Wagenknecht gibt, die zeigen, daß sie es einmal wußte. Man schlage z.B. »Vorwärts und Vergessen« (Hamburg 1996, S. 65–74 u. 91–96) auf und überzeuge sich, wie differenziert sie doch über das komplexe Phänomen der Planung, deren Vorzüge und Grenzen, zu schreiben vermochte.Verflachung der Theorie kann kein Resultat von Wissenszuwachs sein, und offenbar scheint Sahra Wagenknecht sich zur Aufgabe gemacht zu haben, Platons (falsche) These zu beweisen, daß die Unwahrheit nur schreiben könne, wer die Wahrheit kennt (Phaidros 262a–c). [↩]
Mittwoch, 22. August 2012
„Mein Körper gehört mir!“ - Kinderrechtskampagne gegen Zwangsbeschneidung gestartet
(22.08.2012)

"Zwangsbeschneidung ist Unrecht – auch bei Jungen." Mit dieser entschiedenen Aussage ist heute, ein Tag vor der öffentlichen Sitzung des Deutschen Ethikrats, die Kinderrechtskampagne der Giordano-Bruno-Stiftung gestartet. "Ziel der Kampagne ist es, die geplante Legalisierung medizinisch unnötiger Vorhautbeschneidungen zu verhindern", erklärt Stiftungssprecher Michael Schmidt-Salomon. "Denn die Zwangsbeschneidung ist keine Bagatelle, wie so oft behauptet wird, sondern ein durch nichts zu rechtfertigender Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht und die körperliche Unversehrtheit des Kindes."
Auf der heute freigeschalteten Website www.pro-kinderrechte.de führt der von der Stiftung ins Leben gerufene "Arbeitskreis Kinderrechte", dem u.a. der Strafrechtler Holm Putzke angehört, zahlreiche medizinische, psychologische, politische und juristische Argumente auf, die diese Einschätzung belegen. Tragischerweise, so die Experten des "AK Kinderrechte", sei das Wissen über die tatsächlichen Folgen der Vorhautbeschneidung, die sehr wohl mit "milderen" Formen der weiblichen Genitalbeschneidung vergleichbar sei, in der Gesellschaft kaum vorhanden. So wüssten viele Eltern nicht, dass Säuglinge während der Beschneidung besonders schwere Schmerzen erleiden, weil das schmerzunterdrückende System erst Monate nach der Geburt funktionstüchtig sei. Fallen die Kinder aufgrund der ungefilterten Qualen in einen traumatischen Schockzustand, würden die Eltern die plötzliche Ruhe sogar als Zeichen für die vermeintliche Harmlosigkeit der Beschneidung fehlinterpretieren.
In der hier zum Ausdruck kommenden "fehlenden Aufklärung beziehungsweise gezielten Desinformation der Eltern" liegt nach Ansicht des "AK Kinderrechte" das "Hauptproblem der gegenwärtigen Debatte": "Wüssten die Eltern über die dramatischen Konsequenzen der Zirkumzision Bescheid, müsste man über ein Beschneidungsverbot gar nicht mehr diskutieren, da die meisten Mütter und Väter von sich aus den Gedanken verwerfen würden, ihre Kinder beschneiden zu lassen."
Um nun im Sinne der Kinderrechte Druck auf die deutsche Politik auszuüben, hat die Giordano-Bruno-Stiftung eine Plakatkampagne entworfen, bei der sie auf möglichst breite Unterstützung seitens der Bevölkerung hofft. Dazu heißt es auf der Websitewww.pro kinderrechte.de: "Mit jedem Euro, den Sie der Aktion zur Verfügung stellen, können wir mehr Plakatflächen mieten und damit die Wahrnehmung unseres Anliegens in der Öffentlichkeit stärken. Denn nur durch einen vehementen Protest der Bevölkerung wird die angestrebte Legalisierung der Zirkumzision noch verhindert werden können. Machen wir den Verantwortlichen in Politik und Justiz unmissverständlich klar, dass Zwangsbeschneidung Unrecht ist – auch bei Jungen!"
Unterstützerseite bei helpedia:
http://www.helpedia.de/spenden-aktionen/pro-kinderrechte
http://www.helpedia.de/spenden-aktionen/pro-kinderrechte
Fragen und Antworten zur Knabenbeschneidung:
http://pro-kinderrechte.de/wp-content/uploads/2012/08/faq_beschneidung.pdf
http://pro-kinderrechte.de/wp-content/uploads/2012/08/faq_beschneidung.pdf
Samstag, 18. August 2012
Fachtagung "Graue Wölfe in Bayern"
Fachtagung zu den rechtsradikalen türkischen “Grauen Wölfen” im Dokumenationszentrum auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg:
Zu den Ergebnissen dieser Kooperationsveranstaltung zwischen der Landeskoordinierungsstelle Bayern gegen Rechtsextremismus (LKS) München und dem Zentrum Demokratische Kultur (ZDK) Berlin ist nun erst eine 23-seitige Dokumentation mit dem Titel “Die “Grauen Wolfe” in Bayern – Bedarfsanalyse, Vernetzung und Entwicklung lokaler Handlungsstrategien” erschienen. Die Dokumenation soll ein erster Leitfaden für Jugendzentren, Schulen, Stadtverwaltungen, Stadt- und Kreisjugendringe, Gremien und Parteien sein. Sie kann hier herunter geladen werden.
http://wug-gegen-rechts.de/
Bitte weiterverbreiten!
Montag, 13. August 2012
In eigener Sache
Der Rechtsstreit gegen den ehem. Erlanger Jusochef Dr. Richter
ist nun hoffentlich am Ende. Das OLG Nürnberg wies seine Berufung letztinstanzlich ab.
Ansonsten bleibt mir nur zu sagen: Das hätten Sie früher und billiger haben können, Dr. Richter!
Hätten Sie gleich meiner ersten Mail mit Bitte um Rücknahme Ihrer Behauptung entsprochen, hätte es Zeit, Geld und Nerven geschont.
Allen Interessierten kann ich sagen, dass ich in vergleichbaren Fällen durchaus wieder den Rechtsweg gehen würde, sollten entsprechende unwahre Tatsachenbehauptungen über mich verbreitet werden.
ist nun hoffentlich am Ende. Das OLG Nürnberg wies seine Berufung letztinstanzlich ab.
Ansonsten bleibt mir nur zu sagen: Das hätten Sie früher und billiger haben können, Dr. Richter!
Hätten Sie gleich meiner ersten Mail mit Bitte um Rücknahme Ihrer Behauptung entsprochen, hätte es Zeit, Geld und Nerven geschont.
Allen Interessierten kann ich sagen, dass ich in vergleichbaren Fällen durchaus wieder den Rechtsweg gehen würde, sollten entsprechende unwahre Tatsachenbehauptungen über mich verbreitet werden.
Mittwoch, 1. August 2012
Gedanken über die Selbstverständlichkeit der Freiheit
"Ich sehe was, was Ihr nicht seht: Gedanken über die Selbstverständlichkeit der Freiheit." Von Eser Polat
Gerade schreibe ich an einem Buch. Tut heute ja schließlich jeder. Der Arbeitstitel lautet „Deutschland seni seviyorum! 10 Gründe weshalb ich Deutschland liebe“.
Im Vorfeld habe ich mich gefragt: Wirst du auf 10 Gründe kommen? Würden dir überhaupt 10 Gründe für irgendetwas einfallen? Zum Beispiel 10 Gründe, weshalb du deine Freundin liebst oder 10 Gründe, weshalb du nicht Bürgermeister von Hoyerswerda werden möchtest. 10 Gründe, warum du auch weiterhin Mitglied der FDP bleiben solltest.
Die Ausgangsfrage konnte ich, um ehrlich zu sein, sehr schnell mit einem eindeutigen „Ja“ beantworten. Ja, mir fallen 10 Gründe ein, weshalb ich Deutschland liebe. Mindestens. Ebenfalls 10 Gründe habe ich für meine FDP Mitgliedschaft gefunden – dies nur am Rande. Es war nicht diese deutliche Antwort, die mich überraschte und ins Grübeln brachte, sondern vielmehr die Zusammensetzung der 10 Gründe.
Nahezu alle 10 Gründe, weshalb ich mein Land, Deutschland liebe, hängen mit Grundwerten zusammen. Grundwerte, die teilweise in unser Grundgesetz geschrieben wurden, um Gültigkeit bis in alle Ewigkeit zu haben. Und die zu einem anderen Teil als unausgesprochene Grundsätze unser aller Zusammenleben in diesem schönen Land prägen. Als common sense, way of life, roter Faden, Leitfaden, Leitbild, Leitkultur und manchmal auch als Leidkultur.
Ich liebe Deutschland, weil meine alevitisch-türkischen Eltern die Freiheit hatten, mich als kleines Kind einem älteren, christlich-deutschen Ehepaar anzuvertrauen, wenn sie in die Arbeit gingen. Und dies, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen.
Ich liebe Deutschland, weil ein älteres, christlich-deutsches Ehepaar die Freiheit hatte, sich um mich, den kleinen Türkenbengel zu kümmern, ohne dass es hierfür angefeindet wurde.
Ich liebe Deutschland, weil ich damals in meiner türkischen Grundschulmodellklasse in Nürnberg an Ramadan eine GROSE, FETTE BIFI SALAMI verdrücken konnte, ohne dass meine Eltern wegen dieser sprichwörtlichen „Schweinerei“ von einer besorgten Schulleitung zum Rapport bestellt wurden. Ja, besonders an Ramadan schmeckt mir die Bifi halt besonders gut..
Ich liebe Deutschland, weil ich 1994 als 16 jähriger meine erste Presseerklärung herausgeben konnte, in der ich die Verfolgung und Unterdrückung der Aleviten in der Türkei schilderte, ohne dass mich Helmut Kohl in eine Umerziehungsanstalt gesteckt hat, weil er mich als Gefahr für die nationale Sicherheit sieht. Noch viel mehr liebe ich Deutschland, weil die Nürnberger Nachrichten mich ernst genommen und tatsächlich einen Artikel daraus gemacht haben.
Ich liebe Deutschland, weil es hier einen verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Geschichte gibt. Es gibt eine beeindruckende Gedenk- und Erinnerungskultur.
Jaaa jaaa, schon gut, meine lieben Freunde am politisch korrekten Rand der Gesellschaft. Ich kann euch bereits hören, ihr brüllt ja auch wie immer laut genug: „In Deutschland gibt es aber immer noch rechte Dumpfbacken und sogar echte (Neo)Nazis. Die greifen immer wieder Ausländer an, verüben Brandanschläge auf Asylbewerberheime und türkische Wohnhäuser und die Morden sich sogar 10 Jahre lang unentdeckt aber gut gedeckt durch die Republik. Ich schäme mich ein Deutscher zu sein!“
Ja. Stimmt. Scheiße sowas! Gibt’s aber überall! Soll keine Entschuldigung sein, ist aber so!
Entscheidend ist für mich als potentiell ausländerfeindlichkeitsgefährdeter Randgruppenvertreter mit Migrationshintergrund (pot afg RGV m MiHiGru) einzig und allein die Reaktion der Verantwortlichen in der Politik und der Gesellschaft. Stets entschuldigt sich bei Tragödien dieser Art die gesamte Staats- und Regierungsspitze. Abgeordnete kondolieren. Diskussionen beginnen, Prävebtionsprogramme werden gestartet. Opfer werden als solche anerkannt und entschädigt. Die Opfer werden eingebettet in die kollektive Gedenk- und Erinnerungskultur. Dafür liebe ich dieses Land.
Ich liebe Deutschland, weil mein alevitischer Glaube hier anerkannt ist. Ich kann mich als Alevite zu meinem Glauben bekennen und ich habe als gläubiges Individuum die Deutungshoheit und das Selbstbestimmungsrecht in Bezug auf meinen Glauben. Ich muss mir nicht von jedem dahergelaufenen sunnitischen Imam oder türkischen Staatsbeamten erklären lassen, was es mit meinem Glauben auf sich hat.
Ich liebe Deutschland, weil meine Mutter, die seit 1972 bei Siemens angestellt ist und nach über 40 Jahren betriebsbedingt auf die Straße gesetzt werden sollte, vor einem Arbeitsgericht gegen die Kündigung klagen DURFTE. Noch mehr liebe ich Deutschland, weil der zuständige Arbeitsrichter die Vertreter von Siemens und dem bayerischen Metallarbeitgeberverband der Lächerlichkeit preisgegeben und die Kündigung mitsamt Sozialauswahl in der Luft zerrissen hat.
Ich liebe Deutschland, weil es mir und den Menschen die ich Liebe, in höchstem Maße Sicherheit bietet. Sicherheit vor Katastrophen, Sicherheit vor Kriminalität und Terror, Sicherheit vor Wirtschaftskrisen aber auch Sicherheit vor sich selbst. Denn der Staat sieht sich in Deutschland als das, was er seiner Natur nach auch ist: Als potentielle Gefahrenquelle für die Grundfreiheiten der Menschen.
Ich liebe Deutschland, weil ich hier so sein darf, wie ich sein möchte und weil ich die Chance bekomme, andere so sein zu lassen, wie sie sein möchten, selbst wenn es auch mir manchmal schwerfällt und ich mich zusammenreißen muss. Ich liebe Deutschland, weil hier auch eine Pappnase von der NPD demonstrieren darf und von der Polizei geschützt wird, solange die Partei nicht verboten ist.
Und schließlich liebe ich Deutschland, weil man hier demütig ist und die linke Wange hinhält, wenn man auf die rechte geschlagen wurde und sich nicht gleich in seinem Stolz oder gar seiner Ehre verletzt fühlt.
Viele dieser Liebesgründe lassen sich auf ein Wort reduzieren: Freiheit!
„Oh mann, war ja so was von klar…“ werden sich jetzt einige denken. „Was sonst soll einer von der FDP auch sagen.“
Ich sehe was, was ihr nicht seht meine Freunde. Und das ist die Freiheit, in der wir in Deutschland leben.
Ihr seht die Freiheit nicht, weil ihr nichts anderes kennt. Ihr sehr die Freiheit nicht, weil sie euch jeden Tag und überall umgibt. Ihr seht die Freiheit nicht, weil sie euch nichts kostet, ihr den Preis der Freiheit nicht bezahlen müsst. Ihr seht die Freiheit nicht, weil sie mittlerweile selbstverständlich ist. Weil der Wert der Freiheit zur Selbstverständlichkeit verkümmert, zur Bedeutungslosigkeit degradiert und zur beliebigen Austauschbarkeit degeneriert ist. Austauschbar, wie jedes Konsumgut, dass wir mit einer Geiz-ist-geil Mentalität verschwenden.
Mir tut das weh! Ja, ich leide wie ein Hund! Nix Polemik - Ernst!
Multiple Perspektiven, der Einblick in unterschiedliche Kulturen und Länder, die Kenntnis und Erfahrung des Fremden ist oftmals eine Bereicherung. Jedoch zu sehen, wie wir mit unseren Freiheiten umgehen, dass wir sie als selbstverständlich, ja als Gottgegeben ansehen, während im Land meiner Eltern die Menschen für den Erwerb oder den Erhalt von Freiheiten ins Gefängnis gehen müssen oder ihre körperliche Unversehrtheit, ja gar ihr Leben riskieren müssen, tut unendlich weh!
Ein altes christliches Ehepaar läuft in der Türkei immer noch Gefahr als Missionierer gebrandmarkt zu werden, wenn es auf ein türkisch-muslimisches Kind aufpassen würde. Eltern hingegen müssten sich in vielen Ecken des Landes die Frage stellen lassen, ob sie vom wahren Glauben abgefallen sind.
In einer türkischen Schule heißt es an Ramadan: Nix Essen! Maul halten! "Maul halten" gilt natürlich auch für die Eltern, wenn sie sich beschweren möchten.
In der Türkei eine politische Presseerklärung zu schreiben ist für einen Jugendlichen ungefähr so gefährlich, wie in Deutschland eine Bombenbauanleitung mitsamt Sprengbefehl im Namen Allahs auf Youtube zu laden und den Link mitsamt eigener Anschrift an das BKA zu senden. Indes hätte es der Insasse eines deutschen Gefängnisses mit vergleichsweise paradiesischen Zuständen zu tun und kann sich berechtigte Hoffnungen auf ein faires und rechtsstaatliches Verfahren machen.
Gedenk- und Erinnerungskultur in der Türkei? Super Thema! Die Türkei ist Weltmeister in Sachen Gedenk- und Erinnerungskultur.
Wir Türken haben ehrenvoll den Befreiungskrieg gewonnen und die moderne Türkei gegründet. Daran erinnern wir uns gerne. Wir Türken sind die Nachfahren der großen Osmanen. Auch daran erinnern wir uns wieder gerne. Und natürlich: Wir Türken haben die Toleranz und Multikulturalität erfunden. Schließlich haben im Osmanischen Reich Muslime, Christen und Juden friedlich zusammen gelebt. Wie könnte es auch anders sein?
Aber mal im Ernst: In der Türkei kann man noch nicht einmal offen und tabulos über Fragen der Gegenwart diskutieren. Wie könnte ich mir da Bemerkungen über die türkische Vergangenheit und das Gedenken daran erlauben?
Kurden? Hää?…Bergvolk! Keine Kultur, unzivilisiert und eine hässliche Sprache. Alles Terroristen.
Armenier? Hää?…Nie gehört. Ach die wurden vernichtet…wie traurig!…Wie? Von uns? Infam!!!…Die sind doch alle freiwillig in die syrische Wüste gewandert! Ohne Wasser! Alles klar!
Aleviten? Hää?…Ungläubige…Ohne Scham und Moral…Die treiben es doch alle miteinander in der Familie! Ach vielleicht doch nicht…sind ja schließlich auch Muslime! Und wenn sie es nicht sein wollen… dann töten wir sie einfach!
Und nochmal im Ernst: Wer so mit seinen Mitmenschen in der Gegenwart umgeht, der hat erst recht keine Gedenk- und Erinnerungskultur.
Noch mehr Gegensätze möchte ich hier nicht ausbreiten. Ich denke die Botschaft ist angekommen. Es ist eine Qual zu sehen, dass wir unsere Freiheiten nicht mehr zu schätzen wissen, während anderswo Menschen dafür ihr Leben geben.
Die Freiheit, die ich in Deutschland sehe ist nichts Selbstverständliches. Würdet ihr sie auch sehen, wüsstet ihr das. Die Freiheit, die ich sehe ist zart und fragil, wie eine kleine Pflanze. Sie will gehegt und gepflegt werden. Sie muss jeden Tag gegossen werden und sie muss jeden Tag beschützt werden. Beschützt vor denjenigen, die unachtsam mit ihren Stiefeln auf der Wiese trampeln und gar nicht mitbekommen, welch zarte Pflanze sie zertreten.
FDP hin oder her. Die Freiheit, die ich sehe ist nicht GELB. Die Freiheit die ich sehe ist ROT! Rot wie das Blut derjenigen, die auch in unserer deutschen Vergangenheit ihr Leben für die Freiheit gegeben haben, weil sie es wollten oder aber weil sie es mussten.
Und sie ist rot wie das Blut derjenigen, die auch heute noch überall auf der Welt für ihre und unsere Freiheit ihr Leben geben, weil sie es wollen…………
..........oder aber weil sie es müssen.
Gerade schreibe ich an einem Buch. Tut heute ja schließlich jeder. Der Arbeitstitel lautet „Deutschland seni seviyorum! 10 Gründe weshalb ich Deutschland liebe“.
Im Vorfeld habe ich mich gefragt: Wirst du auf 10 Gründe kommen? Würden dir überhaupt 10 Gründe für irgendetwas einfallen? Zum Beispiel 10 Gründe, weshalb du deine Freundin liebst oder 10 Gründe, weshalb du nicht Bürgermeister von Hoyerswerda werden möchtest. 10 Gründe, warum du auch weiterhin Mitglied der FDP bleiben solltest.
Die Ausgangsfrage konnte ich, um ehrlich zu sein, sehr schnell mit einem eindeutigen „Ja“ beantworten. Ja, mir fallen 10 Gründe ein, weshalb ich Deutschland liebe. Mindestens. Ebenfalls 10 Gründe habe ich für meine FDP Mitgliedschaft gefunden – dies nur am Rande. Es war nicht diese deutliche Antwort, die mich überraschte und ins Grübeln brachte, sondern vielmehr die Zusammensetzung der 10 Gründe.
Nahezu alle 10 Gründe, weshalb ich mein Land, Deutschland liebe, hängen mit Grundwerten zusammen. Grundwerte, die teilweise in unser Grundgesetz geschrieben wurden, um Gültigkeit bis in alle Ewigkeit zu haben. Und die zu einem anderen Teil als unausgesprochene Grundsätze unser aller Zusammenleben in diesem schönen Land prägen. Als common sense, way of life, roter Faden, Leitfaden, Leitbild, Leitkultur und manchmal auch als Leidkultur.
Ich liebe Deutschland, weil meine alevitisch-türkischen Eltern die Freiheit hatten, mich als kleines Kind einem älteren, christlich-deutschen Ehepaar anzuvertrauen, wenn sie in die Arbeit gingen. Und dies, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen.
Ich liebe Deutschland, weil ein älteres, christlich-deutsches Ehepaar die Freiheit hatte, sich um mich, den kleinen Türkenbengel zu kümmern, ohne dass es hierfür angefeindet wurde.
Ich liebe Deutschland, weil ich damals in meiner türkischen Grundschulmodellklasse in Nürnberg an Ramadan eine GROSE, FETTE BIFI SALAMI verdrücken konnte, ohne dass meine Eltern wegen dieser sprichwörtlichen „Schweinerei“ von einer besorgten Schulleitung zum Rapport bestellt wurden. Ja, besonders an Ramadan schmeckt mir die Bifi halt besonders gut..
Ich liebe Deutschland, weil ich 1994 als 16 jähriger meine erste Presseerklärung herausgeben konnte, in der ich die Verfolgung und Unterdrückung der Aleviten in der Türkei schilderte, ohne dass mich Helmut Kohl in eine Umerziehungsanstalt gesteckt hat, weil er mich als Gefahr für die nationale Sicherheit sieht. Noch viel mehr liebe ich Deutschland, weil die Nürnberger Nachrichten mich ernst genommen und tatsächlich einen Artikel daraus gemacht haben.
Ich liebe Deutschland, weil es hier einen verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Geschichte gibt. Es gibt eine beeindruckende Gedenk- und Erinnerungskultur.
Jaaa jaaa, schon gut, meine lieben Freunde am politisch korrekten Rand der Gesellschaft. Ich kann euch bereits hören, ihr brüllt ja auch wie immer laut genug: „In Deutschland gibt es aber immer noch rechte Dumpfbacken und sogar echte (Neo)Nazis. Die greifen immer wieder Ausländer an, verüben Brandanschläge auf Asylbewerberheime und türkische Wohnhäuser und die Morden sich sogar 10 Jahre lang unentdeckt aber gut gedeckt durch die Republik. Ich schäme mich ein Deutscher zu sein!“
Ja. Stimmt. Scheiße sowas! Gibt’s aber überall! Soll keine Entschuldigung sein, ist aber so!
Entscheidend ist für mich als potentiell ausländerfeindlichkeitsgefährdeter Randgruppenvertreter mit Migrationshintergrund (pot afg RGV m MiHiGru) einzig und allein die Reaktion der Verantwortlichen in der Politik und der Gesellschaft. Stets entschuldigt sich bei Tragödien dieser Art die gesamte Staats- und Regierungsspitze. Abgeordnete kondolieren. Diskussionen beginnen, Prävebtionsprogramme werden gestartet. Opfer werden als solche anerkannt und entschädigt. Die Opfer werden eingebettet in die kollektive Gedenk- und Erinnerungskultur. Dafür liebe ich dieses Land.
Ich liebe Deutschland, weil mein alevitischer Glaube hier anerkannt ist. Ich kann mich als Alevite zu meinem Glauben bekennen und ich habe als gläubiges Individuum die Deutungshoheit und das Selbstbestimmungsrecht in Bezug auf meinen Glauben. Ich muss mir nicht von jedem dahergelaufenen sunnitischen Imam oder türkischen Staatsbeamten erklären lassen, was es mit meinem Glauben auf sich hat.
Ich liebe Deutschland, weil meine Mutter, die seit 1972 bei Siemens angestellt ist und nach über 40 Jahren betriebsbedingt auf die Straße gesetzt werden sollte, vor einem Arbeitsgericht gegen die Kündigung klagen DURFTE. Noch mehr liebe ich Deutschland, weil der zuständige Arbeitsrichter die Vertreter von Siemens und dem bayerischen Metallarbeitgeberverband der Lächerlichkeit preisgegeben und die Kündigung mitsamt Sozialauswahl in der Luft zerrissen hat.
Ich liebe Deutschland, weil es mir und den Menschen die ich Liebe, in höchstem Maße Sicherheit bietet. Sicherheit vor Katastrophen, Sicherheit vor Kriminalität und Terror, Sicherheit vor Wirtschaftskrisen aber auch Sicherheit vor sich selbst. Denn der Staat sieht sich in Deutschland als das, was er seiner Natur nach auch ist: Als potentielle Gefahrenquelle für die Grundfreiheiten der Menschen.
Ich liebe Deutschland, weil ich hier so sein darf, wie ich sein möchte und weil ich die Chance bekomme, andere so sein zu lassen, wie sie sein möchten, selbst wenn es auch mir manchmal schwerfällt und ich mich zusammenreißen muss. Ich liebe Deutschland, weil hier auch eine Pappnase von der NPD demonstrieren darf und von der Polizei geschützt wird, solange die Partei nicht verboten ist.
Und schließlich liebe ich Deutschland, weil man hier demütig ist und die linke Wange hinhält, wenn man auf die rechte geschlagen wurde und sich nicht gleich in seinem Stolz oder gar seiner Ehre verletzt fühlt.
Viele dieser Liebesgründe lassen sich auf ein Wort reduzieren: Freiheit!
„Oh mann, war ja so was von klar…“ werden sich jetzt einige denken. „Was sonst soll einer von der FDP auch sagen.“
Ich sehe was, was ihr nicht seht meine Freunde. Und das ist die Freiheit, in der wir in Deutschland leben.
Ihr seht die Freiheit nicht, weil ihr nichts anderes kennt. Ihr sehr die Freiheit nicht, weil sie euch jeden Tag und überall umgibt. Ihr seht die Freiheit nicht, weil sie euch nichts kostet, ihr den Preis der Freiheit nicht bezahlen müsst. Ihr seht die Freiheit nicht, weil sie mittlerweile selbstverständlich ist. Weil der Wert der Freiheit zur Selbstverständlichkeit verkümmert, zur Bedeutungslosigkeit degradiert und zur beliebigen Austauschbarkeit degeneriert ist. Austauschbar, wie jedes Konsumgut, dass wir mit einer Geiz-ist-geil Mentalität verschwenden.
Mir tut das weh! Ja, ich leide wie ein Hund! Nix Polemik - Ernst!
Multiple Perspektiven, der Einblick in unterschiedliche Kulturen und Länder, die Kenntnis und Erfahrung des Fremden ist oftmals eine Bereicherung. Jedoch zu sehen, wie wir mit unseren Freiheiten umgehen, dass wir sie als selbstverständlich, ja als Gottgegeben ansehen, während im Land meiner Eltern die Menschen für den Erwerb oder den Erhalt von Freiheiten ins Gefängnis gehen müssen oder ihre körperliche Unversehrtheit, ja gar ihr Leben riskieren müssen, tut unendlich weh!
Ein altes christliches Ehepaar läuft in der Türkei immer noch Gefahr als Missionierer gebrandmarkt zu werden, wenn es auf ein türkisch-muslimisches Kind aufpassen würde. Eltern hingegen müssten sich in vielen Ecken des Landes die Frage stellen lassen, ob sie vom wahren Glauben abgefallen sind.
In einer türkischen Schule heißt es an Ramadan: Nix Essen! Maul halten! "Maul halten" gilt natürlich auch für die Eltern, wenn sie sich beschweren möchten.
In der Türkei eine politische Presseerklärung zu schreiben ist für einen Jugendlichen ungefähr so gefährlich, wie in Deutschland eine Bombenbauanleitung mitsamt Sprengbefehl im Namen Allahs auf Youtube zu laden und den Link mitsamt eigener Anschrift an das BKA zu senden. Indes hätte es der Insasse eines deutschen Gefängnisses mit vergleichsweise paradiesischen Zuständen zu tun und kann sich berechtigte Hoffnungen auf ein faires und rechtsstaatliches Verfahren machen.
Gedenk- und Erinnerungskultur in der Türkei? Super Thema! Die Türkei ist Weltmeister in Sachen Gedenk- und Erinnerungskultur.
Wir Türken haben ehrenvoll den Befreiungskrieg gewonnen und die moderne Türkei gegründet. Daran erinnern wir uns gerne. Wir Türken sind die Nachfahren der großen Osmanen. Auch daran erinnern wir uns wieder gerne. Und natürlich: Wir Türken haben die Toleranz und Multikulturalität erfunden. Schließlich haben im Osmanischen Reich Muslime, Christen und Juden friedlich zusammen gelebt. Wie könnte es auch anders sein?
Aber mal im Ernst: In der Türkei kann man noch nicht einmal offen und tabulos über Fragen der Gegenwart diskutieren. Wie könnte ich mir da Bemerkungen über die türkische Vergangenheit und das Gedenken daran erlauben?
Kurden? Hää?…Bergvolk! Keine Kultur, unzivilisiert und eine hässliche Sprache. Alles Terroristen.
Armenier? Hää?…Nie gehört. Ach die wurden vernichtet…wie traurig!…Wie? Von uns? Infam!!!…Die sind doch alle freiwillig in die syrische Wüste gewandert! Ohne Wasser! Alles klar!
Aleviten? Hää?…Ungläubige…Ohne Scham und Moral…Die treiben es doch alle miteinander in der Familie! Ach vielleicht doch nicht…sind ja schließlich auch Muslime! Und wenn sie es nicht sein wollen… dann töten wir sie einfach!
Und nochmal im Ernst: Wer so mit seinen Mitmenschen in der Gegenwart umgeht, der hat erst recht keine Gedenk- und Erinnerungskultur.
Noch mehr Gegensätze möchte ich hier nicht ausbreiten. Ich denke die Botschaft ist angekommen. Es ist eine Qual zu sehen, dass wir unsere Freiheiten nicht mehr zu schätzen wissen, während anderswo Menschen dafür ihr Leben geben.
Die Freiheit, die ich in Deutschland sehe ist nichts Selbstverständliches. Würdet ihr sie auch sehen, wüsstet ihr das. Die Freiheit, die ich sehe ist zart und fragil, wie eine kleine Pflanze. Sie will gehegt und gepflegt werden. Sie muss jeden Tag gegossen werden und sie muss jeden Tag beschützt werden. Beschützt vor denjenigen, die unachtsam mit ihren Stiefeln auf der Wiese trampeln und gar nicht mitbekommen, welch zarte Pflanze sie zertreten.
FDP hin oder her. Die Freiheit, die ich sehe ist nicht GELB. Die Freiheit die ich sehe ist ROT! Rot wie das Blut derjenigen, die auch in unserer deutschen Vergangenheit ihr Leben für die Freiheit gegeben haben, weil sie es wollten oder aber weil sie es mussten.
Und sie ist rot wie das Blut derjenigen, die auch heute noch überall auf der Welt für ihre und unsere Freiheit ihr Leben geben, weil sie es wollen…………
..........oder aber weil sie es müssen.
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